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Kritik: Original Copy - Verrückt nach Kino (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Dokumentarfilm des Vater-Sohn-Gespanns Georg Heinzen und Florian Heinzen-Ziob stellt ein altes Kino in Mumbai und seine überwiegend betagten Mitarbeiter vor. Als sie in diesem Beruf anfingen, hatte er noch Zukunft, inzwischen aber ergreifen die eigenen Kinder andere, lukrativere Jobs. Und die Besucherzahlen gehen zurück, denn rund um das Kino ist die Gentrifizierung des Stadtviertels in vollem Gang. So gerät dieser Dokumentarfilm zu einer Hommage an eine aussterbende Ära des Kinos, die auf analoge Kopien und handgemalte Plakate setzte und in der die Mitarbeiter dem Betrieb sein unverwechselbares Gesicht verliehen.

Die Kinobetreiberin, ihr Manager und ein Plakatmaler, der sein Atelier hinter der Kinoleinwand hat, erzählen von ihren Anfängen und warum sie hier so lange trotz finanzieller Engpässe durchhielten. Flankierend schaut ihnen die Kamera bei der Arbeit über die Schulter, betrachtet das Publikum im Saal während der Vorführung, wird Zeuge eines Filmrisses, denn die Zuschauer mit lautem Protest beklagen. Im Zentrum des filmischen Interesses steht der Plakatkünstler Sheikh Rehman, der mit viel Humor und Emphase erzählt. Und der Sunil, einen hochmotivierten Maler, anlernt, heftig kritisiert, aber auch lobt und ermutigt. Dazu verwendet er wie so oft ein Filmzitat: "Wie sagt Shah Rukh Khan: 'Dein Film fängt gerade erst an'". Rehman weiß, wie die Gesichter der Filmhelden gemalt sein müssen, was auf diese großformatigen Plakate gehört, um Publikum anzulocken. Stolz erzählt er, dass der Manager einmal einen langweiligen Film einkaufte und das Plakat dennoch so anregend geriet, dass die Leute neugierig ins Kino strömten.

Die Kamera fängt rund um diese spannenden Erzählungen viel Atmosphäre ein. Ein Mann geht regelmäßig mit einer rauchenden Weihrauchschale zur Segnung durch die Räume. Am Lichterfest Diwali werden Öllämpchen angezündet, alle wünschen sich ein frohes Fest. Dieses Kino und seine Mitarbeiter sorgten für Kiez-Atmosphäre mitten in einer Großstadt, die sich rasant wandelt. Hier werden keine Filme gezeigt, in denen der Held am Ende stirbt – denn das, weiß der Manager, mögen die Leute nicht. Mag sein, dass es Zeit geworden ist für ein wenig mehr Realismus, vor, hinter und auf der Leinwand. Wie es aber um die Seele des Kinos bestellt sein wird, wenn es so viel gelebtes Engagement wie hier bald nicht mehr gibt, ist ungewiss.

Fazit: Der Dokumentarfilm von Florian Heinzen-Ziob und Georg Heinzen ist eine beseelte Hommage an ein altes Kino in Mumbai, das wirtschaftlich keine Zukunft hat. Es ist das Lebenswerk seiner langjährigen Mitarbeiter, die ihm aus Leidenschaft für den Film und den Beruf treu geblieben sind. Ein gutes Gespür für das Atmosphärische und die zwischen Humor und Melancholie schwankenden Erzählungen der Betreiberin, des Managers und eines launigen Plakatmalers sorgen dafür, dass dieses Dokument über eine untergehende Kino-Ära fesselnde Unterhaltung bietet.





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