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Kritik: Sommerfest (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Es wurde ja auch mal Zeit, daran zu erinnern, dass sich Kultur nicht nur in angesagten Großstädten wie Berlin oder München abspielt. In dieser Ruhrpott-Hommage von Regisseur Sönke Wortmann sagt die taffe Charlie einmal, dass sie eine Bochumer Traditionsgaststätte aus der Bergarbeiter-Ära in ein kulturelles Zentrum mit Kabarett und Lesungen verwandeln will. Nicht nur mit dieser Idee, sondern mit seiner ganzen Geschichte plädiert der Film dafür, lieber heimatliche Wurzeln neu zu beleben, als fortzuziehen in eine saturierte Stadt wie München. So rückt die direkte Art seiner Bochumer Jugendfreunde dem vermeintlich arrivierten Wahlmünchner Stefan auch wieder den Kopf zurecht.

Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Frank Goosen geht keinem Ruhrpott-Klischee aus dem Weg, was an sich nicht schlimm wäre. Denn man möchte im Kino ja gerne Charaktere mit regionaler Authentizität erleben. Aber hier defilieren flache Figuren und Comedypersonal zum Sprücheklopfen vorbei, ohne der Geschichte Charme oder Tiefe zu verleihen.

Es ist schon ein regelrechter Kulturschock für Stefan, als er nach der langen Abwesenheit wieder vor dem elterlichen Haus in den grauen, geduckten Bergarbeitersiedlung steht. Und dieses merkwürdige Gefühl fremd gewordener Vertrautheit beschleicht ihn zunächst auch, als er die zwielichtigen Freunde Totos mit ihren Machoallüren reden hört. Aber das Leben hier bietet ja auch Freuden, zum Beispiel die Grillwurst beim Fußballspiel des Ortsvereins. Stefan tingelt bald von einem geselligen Klein-Event zum nächsten und man fragt sich, wann er denn mit dem Trauern um den Vater beginnen will. Aber Wortmann hat offenbar eine Story unterzubringen, die von etwas anderem handelt als von Stefans Beziehung zu seinem Vater.

Leider hapert es aber auch mit der Darstellung der angeblich legendären Liebe, die Stefan, wie alle sagen, mit Charlie verbunden hat und die immer noch schwelen soll. Denn Stefan und Charlie sind dann nicht wirklich in der Lage, ihren manchmal erstaunlich wortmächtigen Dialogen glaubwürdig Leben einzuhauchen. Auch die Sprüche der prolligen Nebenfiguren wirken wie aufgesagt. Die Wichtigkeit der gesprochenen Sprache in diesem Film erinnert natürlich daran, dass er sich auf eine Buchvorlage bezieht. Aber die lebendige Übersetzung des Inhalts ins visuelle Medium gelingt nicht befriedigend. Für den beseelten, liebevollen Milieufilm, der Wortmann vorgeschwebt haben mag, fehlt es ihm hier irgendwie an der nötigen Geduld und Inspiration.

Fazit: Auf Heimatbesuch in Bochum umfängt den Wahlmünchner Stefan der zwiespältige Charme der rauen Bergarbeiterstadt. Die kernigen Sprüche der alten Freunde und Bekannten sitzen und Charlie, die große Liebe seiner Jugend, drückt sich auch gerne direkt aus. Sönke Wortmanns Verfilmung des gleichnamigen Romans von Frank Goosen gerinnt zum Ruhrpott-Klischee im Comedyformat. Die dick aufgetragenen Prollwitze berühren eher peinlich, als den kaum entwickelten Charakteren Authentizität zu verleihen.





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