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Jean Ziegler - Der Optimismus des Willens
Jean Ziegler - Der Optimismus des Willens
© W-Film

Kritik: Jean Ziegler - Der Optimismus des Willens (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Schweizer Filmemacher Nicolas Wadimoff nahm in den 1980er Jahren als junger Student in Genf an einem Seminar von Jean Ziegler teil. Der politisch engagierte Professor für Soziologie sympathisierte mit linksrevolutionären Bewegungen in Lateinamerika und Afrika. Auch heute noch verehrt er Che Guevara. Bei den Vereinten Nationen, wo Ziegler für Menschenrechte und die Regulierung der Finanzmärkte eintritt, gilt sein besonderes Augenmerk den sogenannten Geierfonds. Diese Hedgefonds kaufen die Schulden verarmter Länder auf und erzwingen von diesen dann die Rückzahlung. Das informative und anregende Porträt eines Intellektuellen, der die Welt weiterhin verändern will, bekommt seine besondere Würze durch gelegentliches kritisches Nachhaken Wadimoffs im persönlichen Dialog.

Nach einer Einführung, die Zieglers Werdegang mit Off-Kommentar und Archivaufnahmen resümiert, wechselt der Film, von wenigen Ausnahmen abgesehen, zwischen zwei Schauplätzen. Wadimoff beobachtet Zieglers Arbeit bei den UN und seinen Besuch in Kuba, dem Land, das er immer noch für das Vorzeigebeispiel einer gelungenen Revolution hält. Dort kann sich Ziegler an allem freuen, sogar an der spärlichen Straßenbeleuchtung. Nach und nach entsteht ein lebhafter Eindruck von Zieglers Persönlichkeit als einem Linksintellektuellen mit Leib und Seele.

Ziegler gibt bereitwillig Auskunft, lässt sich emotional ein. In die Zukunft mag er, Gramsci zitierend, nicht ohne den Willen zum Optimismus blicken. Besonders die UN als Ort des Austauschs und der Zielvereinbarung für Delegierte aus aller Welt stimmt Ziegler zuversichtlich, dass der Kampf gegen den Kapitalismus noch lange nicht verloren ist. In Havanna erhält Ziegler auch Widerworte, von Wadimoff oder anderen, wenn er den fehlenden Idealismus der jungen Generation kritisiert, vor allem aber, wenn er immer noch glaubt, es sei legitim gewesen, dem Volk demokratische Rechte zu verwehren, um es vor der Manipulation durch amerikanische Interessen zu schützen.

Ziegler kann durchaus stur sein, aber die Enthüllung dieser Eigenschaft schadet der Würdigung seiner Verdienste nicht. Vielmehr stützt dieses gelungene Porträt die Erkenntnis, dass Engagement den Mut erfordert, die eigene Unfehlbarkeit in Kauf zu nehmen, sich Feinde zu machen und sich dem Kleinkrieg der Interessen und Sachzwänge auszusetzen. Jean Ziegler hat sich seinen Optimismus und seinen politischen Willen auch bei starkem Gegenwind bewahrt.

Fazit: Dieses gelungene und bewegende Porträt des schweizerischen Soziologen, Globalisierungskritikers und Menschenrechtlers Jean Ziegler zieht mit ihm gemeinsam Bilanz über politischen Wandel, unerreichte Ziele und die Notwendigkeit, sich für eine gerechtere Welt zu engagieren. Besondere Würze erhält die Würdigung des streitbaren Linksintellektuellen durch die kritischen Einwände, mit denen der Filmemacher Ziegler auf erhellende Weise im Gespräch herausfordert.





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