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Kritik: Mr. Long (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Seit seinem Regiedebüt "Wie eine Kugel im Lauf" (1996) ist Hiroyuki Tanaka Dauergast bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin. Mehrere seiner stilistisch stets ambitionierten Werke waren dort im Panorama und im Forum zu sehen. "Chasuke’s Journey" schaffte es 2015 wie in diesem Jahr "Mr. Long" in den Wettbewerb um den Goldenen Bären. Andere große Festivals machen um den japanischen Auteur bislang einen Bogen. Dabei stünde das fordernde Kino des 1964 geborenen Regisseurs, Drehbuchautors und Schauspielers, der seit 1986 unter seinem Künstlernamen Sabu firmiert, auch Venedig oder Cannes gut zu Gesicht.

Die oft abrupten Wechsel zwischen brutaler Gewalt und anrührender, ja geradezu zärtlicher Komik machen Sabus bisherige Genrestreifen zu keiner leichten Kost. Nicht immer hält der Regisseur die Balance. "Happiness" etwa, der in Deutschland Ende November 2017 in die Kinos kommt, reißt die zuvor spielerisch aufgebaute Atmosphäre völlig unnötig im letzten Akt brachial wieder ein. "Mr. Long" gelingt hingegen das seltene Kunststück, einige der blutigsten, witzigsten, melancholischsten und herzzereißendsten Momente des Kinojahres in einem einzigen Film zu vereinen. "Mr. Long" ist traurige Gangsterballade und romantisches Sozialdrama, ein ebenso düsterer wie hoffnungsvoller Blick auf die Randständigen der Gesellschaft; seine Hauptfigur ein moderner Samurai mit Küchenmessern statt Schwert. Hier treffen Charlie Chaplins "Der Vagabund und das Kind" (1921) und Vittorio De Sicas "Fahrraddiebe" (1948) auf Kenji Misumis "Lone Wolf and Cup" (1972), Jûzô Itamis "Tampopo" (1985) und Luc Bessons "Léon – Der Profi" (1994).

Dank Sabus ruhiger Erzählweise, seines lakonischen Humors, eines gelungenen Drehbuchs mit glaubwürdigen Figuren und eines hervorragenden Hauptdarstellers glückt dieser gewagte Mix. Chen Chang genügt ein Blick, eine hochgezogene Augenbraue um das Publikum auf seine Seite und zum Lachen zu bringen. Da der von ihm verkörperte Auftragskiller kein Japanisch spricht, reagiert er auf alles um sich herum mit dem ihm eigenen Stoizismus; Verwechslungen und Missverständnisse, von denen Long nichts mitbekommt, inklusive. Das ist ein gleichermaßen simpler wie gelungener Kniff, und "Mr. Long" ist voll davon. Einzig die Episode um Lilys (Yi Ti Yao) Vergangenheit hätte Sabu erzählerisch eleganter und selbst für japanische Verhältnisse deutlich kürzer lösen können.

Fazit: "Mr. Long" ist eine ebenso wundersame wie wunderbare Mischung aus harter Gangsterballade und herzerweichendem Sozialdrama. Trotz manch unvorhergesehenen Wechsels der Tonlage meistert Ausnahmeregisseur Sabu die Übergänge dieses Mal nahezu perfekt und trifft fast ausnahmslos den richtigen Ton.





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