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Kritik: Träum was Schönes (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der italienische Regisseur Marco Bellocchio nimmt mit diesem melancholischen Drama eine tragische Mutter-Sohn-Beziehung unter die Lupe. Bekanntlich haben italienische Söhne oft ein sehr inniges Verhältnis zu ihren Müttern, so dass Massimos Geschichte, die zudem einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten umfasst, auch der italienischen Gesellschaft einen Spiegel vorhält. Das Drama des Jungen, der nach dem Verlust der Mutter 30 Jahre lang mit seinen Fragen und seinem Schmerz ziemlich allein bleibt, basiert auf dem gleichnamigen, autobiografischen Roman von Massimo Gramellini. Die anhand von häufigen Rückblenden und Zeitsprüngen erzählte Handlung verwebt die äußere Realität mit dem inneren Konflikt des Hauptcharakters zu einem permanenten, weitgehend unausgesprochenen Dialog.

Der kleine Junge liebt seine fröhliche Mutter abgöttisch. Wenn sich ihr Gemüt plötzlich aus unerklärlichen Gründen verfinstert, versteinert seine Miene sofort. Der junge Darsteller Nicolò Cabras spielt das Wechselbad der Gefühle, dem das Kind ausgesetzt ist, hervorragend. Das Thema Psychoanalyse spielt in dieser Geschichte eine zentrale Rolle, denn das Unbewusste sendet dem Jungen schon früh Botschaften, die er sich erst Jahrzehnte später zu entziffern traut. Massimo versteht nicht, warum sein Schulfreund Enrico so schroff zu seiner anhänglichen Mutter ist. Als Journalist wird er später beauftragt, einem Leserbriefschreiber zu antworten, der für seine Mutter Hass empfindet. In beiden Fällen verschließt er sich der Erkenntnis, dass Mütter auch egoistisch und rücksichtslos sein können. Wenn Massimo als Erwachsener durchs Leben irrt, wirkt er immer mehr in seinen Erinnerungen gefangen, als offen für Neues. Valerio Mastandrea stellt den verschlossenen Charakter als sehr passiv dar, als würde er neben sich stehen. In Verbindung mit verschiedenen punktuellen Einblicken in Massimos Berufsleben entsteht im Film eine zwar nachdenkliche, aber auch im Ungewissen verharrende Grundstimmung.

Die Ausdruckskraft der Inszenierung wirkt verhalten. Wer sie erspüren will, muss sich geduldig auf die lange Geschichte einlassen, den halb verborgenen Zauber der Rückblenden zwischen Traum und Wirklichkeit. Mit Erinnerungen an alte Filme und TV-Sendungen sowie mit Musikstücken aus der Ära des Twist und des Rock'n'Roll taucht das Drama auch in vergangene popkulturelle Epochen ein. Es schwimmt eben gerne und mit eigenwilliger Gemächlichkeit gegen den Strom.

Fazit: Marco Bellocchios Verfilmung des gleichnamigen Romans von Massimo Gramellini erzählt von der geheimen Macht einer allzu früh gekappten Mutter-Sohn-Beziehung. Die nichtlineare Handlung folgt den introspektiven Wegen des Hauptcharakters, der sich vor unbewussten Wahrheiten fürchtet. Zugleich hält sie mit ihrem Jahrzehnte umspannenden Zeitraum der italienischen Gesellschaft einen Spiegel vor. Eine verhaltene, zwischen Melancholie und Forschergeist oszillierende Stimmung prägt dieses kontemplative Filmerlebnis, das sich jeglicher Hektik verweigert.





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