VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Tom of Finland (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Touko Laaksonen ist vermutlich der bekannteste unbekannte finnische Künstler. Längst hängen seine Werke in Museen und Galerien oder sind in großformatigen Prachtbänden für den heimischen Kaffeetisch zu haben. Laaksonens Zeichnungen von leicht bekleideten, häufig uniformierten Männern beeinflussten nicht nur maßgeblich die schwule Subkultur, sondern inspirierten zahlreiche andere Künstler von Andy Warhol über Freddie Mercury und Madonna bis zur deutschen Comicgröße Ralf König. Doch Laaksonen veröffentlichte zeitlebens unter Pseudonym, weshalb der Mann hinter "Tom of Finland" weitaus weniger Bekanntheit erlangte als die übertrieben muskulöse Figur mit dem markanten Schnurrbart, mit dem die Öffentlichkeit das Pseudonym schnell gleichsetzte.

Pekka Strang gibt diesen Touko Laaksonen mit forscher Zurückhaltung. Sein zartgliedriger Antiheld begehrt mehr mit Blicken als mit Taten. Schließlich kann ihn eine falsche Bewegung ins Gefängnis bringen. Und doch mischt sich unter diese Vorsicht ein befreiender Trotz, wenn Touko Staatsdiener und Spießbürger mit wohlüberlegten Worten, die alles andeuten und doch nichts Verfängliches sagen, herausfordert. Dies sind die stärksten Momente in einem schön fotografierten, überlegt in Rückblenden konstruierten, aber etwas mutlos und beliebig erzählten Film.

Dabei beginnt Regisseur Dome Karukoski durchaus ambitioniert. Wenn sich Touko beim Eisbaden an den nackten Körpern seiner Kameraden nicht sattsehen kann und sich die angestaute Lust schließlich in einem Schnittgewitter aus flüchtigem Sex und einem nächtlichen Bombenhagel auf Helsinki entlädt, deutet Karukoski an, wohin sein Biopic hätte steuern können. Bis auf ein oder zwei Momente, in denen sich Toukos gezeichnetes Alter Ego als fleischgewordene Männerfantasie ins Bild stiehlt, spielt der Film jedoch nie mit den Sehgewohnheiten seiner Zuschauer. Und auch vom zu Beginn so fulminant in Szene gesetzten Sex bekommen wir den Rest der Laufzeit wenig zu Gesicht.

Hier gleicht das Drama ein wenig Toukos Verhältnis zu Kaija. Obwohl der Bruder seiner Schwester gegenüber die Homosexualität früh andeutet, will sie nichts damit zu tun haben. Erst ganz am Ende öffnet Touko Kaija sein Atelier und damit auch den Teil seiner Persönlichkeit, den er so lange unter Verschluss gehalten hatte. Das Publikum, das mit dem Zeichner durch verbotene und erlaubte Schwulenbars gezogen ist, mit ihm in Haft saß und seinen Kampf gegen Aids kämpfte, kennt diese Seite bereits. Und doch wird man das Gefühl nicht los, das Dome Karukoski einen Großteil davon unter Verschluss hält. So gedämpft wie die Farben sind auch die Gefühle. Selbst die große Liebe zwischen Touko und Veli findet mehr in Worten als in Taten statt.

Fazit: "Tom of Finland" bringt dem Publikum einen großen Unbekannten der finnischen Kunstszene und der schwulen Subkultur nahe. Regisseur Dome Karukoski erzählt Touko Laaksonens Lebensgeschichte in schön fotografierten und wohlüberlegt konstruierten Rückblenden. Etwas mehr Gefühl, Mut und (Melo-)Drama hätte es aber gern sein dürfen.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.