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Kritik: Radiance (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die japanische Regisseurin Naomi Kawase hat einen gefühlsintensiven und nachdenklichen Film über die menschliche Tragik inszeniert, die darin besteht, dass sich die Schönheit und das Glück nicht festhalten lassen. Wenn man verliert, was einem am teuersten war, wird man unter Umständen blind für das Neue und entfremdet sich dem Leben. Aber diese interessant konstruierte Geschichte, in der sich äußere und innere Realität auf vielfältige Weise begegnen und verbinden, ist auch eine Hommage an das Kino, das die Menschen in eine unbekannte Welt eintauchen lässt.

Misako liebt das Kino, gerade weil sie dort der Realität entfliehen kann. Sie möchte die Sehbehinderten mit ihren Audiodeskriptionen teilhaben lassen an der Hoffnung, die das Kino bietet. Umso größer ist ihr Erstaunen, dass der Film, den sie erklärt, nicht so optimistisch endet, wie sie es sich gewünscht hätte. Sie übt für ihre Arbeit im Alltag fleißig, alles was sie sieht, in Worte zu übersetzen, und wird dabei natürlich mit ihrer Sicht auf die Dinge, ihrem geistigen Filter konfrontiert. Nakamori ergeht es auf umgekehrte Weise ähnlich, er muss lernen, die Dinge mit dem inneren Auge zu sehen.

So entstehen im Gespräch Verbindungen, die einen geistigen Prozess bei den beiden in Gang setzen. Wie lassen sich neue Erfahrungen machen, wenn dafür noch das innere Gespür fehlt, der eine nicht verstehen kann oder will, was ihm der andere zeigt? Wie viel Anleitung ist nötig und wo geht sie in Bevormundung über? Was ist mit den hässlichen, schlimmen Dingen, denen sich die eigene Wahrnehmung nicht entziehen kann? Der Film-im-Film dient als Anschauungsobjekt, der diesen Ausflug in neue Gefilde fördert. Die Montage scheint diese verschiedenen Ebenen zu verbinden, so dass man den Eindruck hat, Misakos gedanklichen Prozess vorgeführt zu bekommen.

Die visuelle Gestaltung arbeitet kreativ mit Unschärfen, mit dem Licht der untergehenden Sonne, das eine besonders tröstliche Kraft entfaltet. So vertieft sich der kontemplative Film nicht nur in das Wesen der Trauerarbeit, sondern erzählt auch von der menschlichen Neugier und Wandlungsfähigkeit, von der individuellen Kraft, die Sinne und den Geist zu schärfen und sich im Leben neu zu positionieren.

Fazit: Die japanische Filmemacherin Naomi Kawase erzählt in diesem kontemplativen Drama vom Umgang mit Verlust und von der Kraft der inneren Bilder. Das Thema persönlicher Schicksalsschläge wird fantasievoll mit einer Hommage an die Magie des Kinos verbunden. Trotz seines melancholischen Tons ist der Film zutiefst lebensbejahend, denn er charakterisiert seine Protagonisten als sinnliche Menschen und plädiert dafür, sich auf neue Begegnungen und Perspektiven einzulassen.





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