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Kritik: In den letzten Tagen der Stadt (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Das Spielfilmdebüt des ägyptischen Regisseurs Tamer El Said ist in politisch unruhigen Zeiten gedreht worden, als sich die Vorboten der ägyptischen Revolution bereits abzeichneten. Der Protagonist Khalid, der den Regisseur selbst zu repräsentieren scheint, befindet sich in seinem jungen Leben an einem Scheideweg. Und draußen, vor dem Fenster, in den Straßen, braut sich etwas zusammen, eine wachsende Unzufriedenheit mit dem, was ist. Khalid beobachtet, nimmt Stimmungen auf, sucht nach Orientierungs- und Fixpunkten in seiner persönlichen Biografie.

Als Flaneur und Zeitzeuge, sowie gleichzeitig als Mann, der vor einer ungewissen Zukunft steht, ist Khalid also nicht nur neutraler Beobachter, sondern auch Subjekt. Die Krise der Stadt ist in gewisser Weise auch seine eigene und es fällt ihm schwer, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu benennen, beziehungsweise Außen- und Innenwelt auseinanderzuhalten. So ist auch der Film selbst eine schillernde Mischung aus fast dokumentarischem Realismus, atmosphärischen Impressionen und traumwandlerischer Poesie.

Zum Zeitpunkt des Drehs wusste der Regisseur nicht, dass sich die Demonstrationen in den Straßen zur Revolution von 2011 auswachsen würden. Khalid und seine Freunde, die aus den vom Krieg und Bürgerkrieg erschütterten Städten Bagdad und Beirut stammen, sprechen über Identität, über Verwurzelung und ihre Verzweiflung angesichts der Zerstörung. Mit diesem Thema verweist der Film über Kairo hinaus auf die arabische Welt im Wandel, die tendenzielle Heimatlosigkeit der jungen Generation, die sich schmerzlich mit den eigenen Wurzeln auseinandersetzt.

Die Dialoge wechseln oft unvermittelt ins Off, während die Figuren noch im Bild sind, die Schnitte verweisen darauf, dass sich die Puzzlestücke in Khalids Wahrnehmung noch lange nicht zu einem Bild formen, dessen Sinn er versteht. Der Himmel ist in trübes goldgelbes Licht getaucht, auf den Straßen springen Menschen zwischen den hupenden Autos herum, versuchen Waren zu verkaufen, mit dem Strom zu schwimmen und sich dennoch nicht zu verlieren. Oft blickt Khalid durch Fensterscheiben auf das Geschehen, durch Spiegel, in denen sich verschiedene Realitäten überlappen. Tamer El Saids Hommage an Kairo ist melancholisch, weil das Alte nicht bleiben kann und dennoch das Fundament für die Zukunft liefern muss.

Fazit: Tamer El Saids kontemplative Auseinandersetzung mit seiner Heimatstadt Kairo am Vorabend der Revolution verschränkt Innen- und Außenwelten zu einem sinnlichen Vexierspiel. Die Frage nach der nationalen und persönlichen Identität in Zeiten des Wandels wird in diesem kunstvollen Spielfilm auf sowohl poetische als auch dokumentarisch-beobachtende Weise erörtert. So spiegelt sich in der melancholischen Hommage an die Stadt Kairo die komplizierte Standortbestimmung eines Vertreters der jüngeren Intellektuellen-Generation, die das kulturelle Erbe mit kritischer Zuneigung bewertet.





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