Jeden Abend versammeln sich die Bewohner Havannas vor ihren Fernsehgeräten, um in die Welt der Telenovelas einzutauchen.
Inhalt
Jeden Abend versammeln sich die Bewohner Havannas vor ihren Fernsehgeräten, um in die Welt der Telenovelas einzutauchen. Doch immer öfter können die altersschwachen sowjetischen Lizenzgeräte den Wunsch nach Zerstreuung nicht mehr erfüllen. "Havanna, mi amor" erzählt vom Kampf um die letzten Bilder und vom Alltag zwischen den Folgen dieser Endlosserien. Eine Hommage an die Liebe, die alten Fernseher und an eine der schönsten Städte dieser Welt...
Ein weiterer Film über Kuba? Einer, der sich
aus purem kommerziellen Kalkül an den
großen Erfolg von "Buena Vista Social Club"
heranhängen möchte? Mitnichten! Im
Gegensatz zum feschen Wim kann Regisseur
Uli Gaulke geradezu als Kubaexperte
bezeichnet werden. Hatte er sich doch schon
lange vor Wenders Dokumentationsversuch
mit der faszinierenden Insel beschäftigt, was
man dem Film auch deutlich anmerkt.
Während Wim Wenders nur einen
oberflächlichen, jegliche Zusammenhänge
und Hintergründe vernachlässigenden
Spaßfilm für menschliche Kleiderständer
machte, bekommt man bei "Havanna, mi
amor" auf teils witzige, teils anrührende Weise
interessante Einblicke in das Leben der
Bewohner Havannas.
In einem Land mit totalitärem Regime, wo es
nur zwei Fernsehprogramme gibt, und das
eine ausschließlich dazu dient, politische
Sendungen zu verbreiten, erhält natürlich das
andere größte Aufmerksamkeit. Deshalb
sitzen die meisten Kubaner Havannas
allabendlich vor ihren Geräten, um die
Telenovela zu gucken, welche sich nach
langer Zeit wieder mit dem Leben im heutigen
Havanna beschäftigt. Besondere Bedeutung
erhält dabei in Gaulkes Film, wie in jeder
Dokumentation, die Montage. Intelligent
verbindet er Spielszenen der Serie mit
Ausschnitten aus dem Leben von sieben
Hauptstädtern, wobei die Themen sehr
ähnlich gelagert sind. Liebe, Eifersucht, kleine
und große Intrigen, Kampf um Gerechtigkeit,
Suche nach dem großen Glück; all’
dieses ist sowohl in der Telenovela wie in der
Realität sehr wichtig. Gaulke setzt die
klischeeüberladenen, vor Rührseligkeit nur so
triefenden und für jedes Problem eine Lösung
anbietenden Bilder aus dem Fernsehgerät mit
den persönlichen Dramen von Gladys, Silai,
Felix, Juana, Marino, Vilma und José in
Beziehung. Dadurch entlarvt er das
TV-Programm als abgeschmackte
Light-Version der spannenden, tatsächlichen
Geschichten in Kubas Hauptstadt. Die
ohnehin schon für unsere Augen vorhandene
Lächerlichkeit wird offensichtlich und der Blick
auf die Hauptdarsteller geschärft,
gesellschaftliche Zusammenhänge deutlich.
Dabei vermeidet es der Film, sich über die
Menschen lustig zu machen. Es entsteht
vielmehr das sensible Portrait eines
Gemeinwesens, in dem Realitätsflucht zum
Massenphänomen geworden ist. Und
unwillkürlich stellt man sich die Frage wie weit
Deutschland mit seinen Daily Soaps und
Talkshows davon eigentlich entfernt ist. Aber
das ist eine andere Frage.
In Abgrenzung zur Fiktion verleiht Gaulke den
Schicksalen größere Tiefe. Es ist ihm
gelungen durch die tatkräftige Hilfe und
Geschicklichkeit der Interviewführung auch
intime Details herauszukitzeln, die ein
mikroskopisch kleines und facettenreiches
Abbild der Lebenswelt nachzeichnen. Zu den
Stärken des Films gehört es, dass diese
keine trockene Nüchternheit ausstrahlt,
sondern mit viel Witz und Anteilnahme
beleuchtet wird. Da gibt es zum Beispiel
Marino, der alle seine Probleme mit Sex
angeht, um sich zu entspannen oder Gladys,
die vergeblich versucht, einen Job zu finden.
"Havanna, mi amor" ist ein ausgezeichneter
Dokumentarfilm über die kleinen und großen
Tragödien sowie das Glück der Bewohner
Havannas. Statt oberflächlicher
Schaumschlägerei à la "Buena Vista Social
Club" bekommt der Zuschauer einen
vielschichtigen Einblick in das Leben Kubas
Hauptstädter. Und bevor ich es vergesse,
auch in diesem Film ist die unterlegte Musik
vom Feinsten.