US-Adaption des Romans "Der Einzelgänger" von Christopher Isherwood: Nach dem Tod seines Partners bemüht sich der britische Professor George Falconer (Colin Firth) darum, seinem Leben einen Sinn zu geben
Inhalt
Los Angeles, 1962, auf dem Höhepunkt der Kubakrise: George Falconer (Colin Firth), ein britischer Professor, bemüht sich, seinem Leben nach dem Tod seines langjährigen Partners Jim (Matthew Goode) wieder eine Bedeutung zu geben. Gefangen in der Vergangenheit, sieht er keine Zukunft mehr, doch die Ereignisse und Begegnungen eines einzigen Tages verhelfen ihm zu einer Entscheidung darüber, ob nach Jim noch ein Sinn existiert. Trost findet George bei seiner besten Freundin Charley (Julianne Moore), einer Schönheit von 48 Jahren, die selbst mit Zukunftsfragen zu kämpfen hat. Kenny (Nicholas Hoult), ein junger Student von George, der gerade mit sich selbst ins Reine kommen muss, verfolgt seinen Professor, in dem er eine verwandte Seele zu erkennen glaubt.
"A Single Man" ist der hübschere, aber oberflächliche jüngere Bruder von "A Serious Man", aus demselben Jahr – beide spielen in den USA zu Beginn der 60er Jahre und drehen sich um Professoren in ernsthaften Schwierigkeiten. Nur trägt man in der Coen-Farce fieses Polyester, während Tom Ford in seinem Regiedebüt so richtig aufdreht: Sein Protagonist, der britische Literaturprofessor George Falconer (Colin Firth), muss irgendeine geheime zweite Einnahmequelle haben - wohnt er doch in einem durchgestylten Designerhaus mit viel Glas und Holz, inmitten edler Möbel, angetan mit eleganter Kleidung und einem makellosen Mercedes in der Garage... Auch sonst erschlägt Stil den Inhalt. An Firth liegt es nicht – seine Oscar-Nominierung kommt nicht von ungefähr. Höhepunkt des Film ist tatsächlich ein brillianter Reaktionsshot, in dem er die Kunde vom Tod seines Partners der letzten sechzehn Jahre erfährt. Dabei bringt er ohne groß aufzudrehen die unvorstellbare Grausamkeit, mit der man ihm verdeutlicht, dass er als Homosexueller kein Recht auf Trauer beanspruchen darf, auf den Punkt. Leider fehlen dem Film mehr solcher Momente. Da hilft auch Julianne Moore als desillusionierte, trinkfreudige beste Freundin und Ex nicht – egal wie hoch sie den Emotionspegel schraubt. Gegen eine unterkühlte Inszenierung, die beizeiten wie eine sehr lange Retro-Modestrecke anmutet, kommt selbst sie nicht an. Auch elegische Musikstrecken, ästhetische Traumsequenzen und aufdringliche Farbwechsel lenken eher vom eigentlichen Kern der Story – ein Mann beschließt, zu sterben – ab. So poliert Ford seine Trauer glatt, indem er ihn in immer neuen exquisiten Sets arrangiert. Im letzten Drittel stiftet Ford dann mit Kenny, einem ausnehmend hübschen Studenten im weißen Flauschpulli (Angora? Kaschmir?) Verwirrung. Ist er an Falconer mehr als nur menschlich interessiert? Ahnt er, was in ihm vorgeht? Egal. Hauptsache, er lässt sich augenfreundlich ausleuchten. Unterm Strich ist "A Single Man" Fans von Colin Firth und ästhetisch inszenierten Tableaus zu empfehlen. Als emotionales Drama überzeugt er über weite Strecken nicht. Allein als Debüt betrachtet ist der Film jedoch absolut überzeugend – sollte Ford sein Faible für aufdringlich elegante Ausstattung jemals ablegen können, dürfte er sich als solider visueller Geschichtenerzähler erweisen.
8martin vom 07.01.2013 Falls einen die Schwulenproblematik nicht interessiert, dann sind es hier die tollen Bilder, die seltenen Einstellungen und die Erzählweise in Retrospektiven, die beeindrucken. Aber auch die frechen Dialoge sind keineswegs von der Hand zu weisen. (?Liebhaber sind wie Busse. Man muss nur warten, bis der Nächste kommt.?). George (Colin Firth) schwankt in seiner Bisexualität zwischen den Polen hin und her. Am Anfang steht der Tod seines Liebsten (Matthew Goode), am Ende sein eigener. Dazwischen versucht Julianne Moore (?Mein Leben in der Vergangenheit ist meine Zukunft?), seine Jugendliebe, und ein schöner Student (Nicholas Hoult) bei ihm zu landen. Doch die tiefe Todessehnsucht bleibt, wobei die Selbstmordversuche schon grotesk erscheinen. Die Verunsicherung in einem Leben zwischen den Fronten mündet in der Zwangsläufigkeit der Ereignisse. Offen bleibt, ob George an gebrochenem Herzen oder an Tabletten stirbt. Es ist überraschend und irgendwie unvollendet, weil mitten drin. Erst beim gedanklichen Nachkarten erkennt man, wie obsessiv neurotisch die Vorstellungen von George von Anfang an bereits waren. Dann ist es tragisch.