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Another Year

Userwertung 6/10
Ensembledramödie von Mike Leigh über ein ganz normales Jahr im Leben eines älteren, seit langem glücklich verheirateten Paares, das sich mit den Problemen anderer Leute herumschlagen muss...
Another Year Pathé FilmsAnother Year Pathé FilmsAnother Year 2010 PROKINO Filmverleih GmbHAnother Year 2010 PROKINO Filmverleih GmbHAnother Year Pathé FilmsAnother Year 2010 Prokino Filmverleih GmbH
Inhalt
  • Tom (Jim Broadbent) und Gerri (Ruth Sheen) sind ein über die Jahre harmonisch und liebevoll zusammengewachsenes Paar. Sie arbeitet als Therapeutin im Gesundheitsamt, er untersucht als Geologe die Bodenbedingungen für zukünftige Bauprojekte. Ihr Leben verläuft im Rhythmus der Natur, die ihnen die Aufgaben auf ihrem Schrebergartengrundstück vorgibt. Durch ihre Herzenswärme, Gastfreundschaft und Gutmütigkeit wird ihr kleines Londoner Häuschen im Lauf des Jahres zur Zuflucht für Freunde und Familienmitglieder, denen das Schicksal nicht ganz so wohlgesonnen ist wie ihnen. Mit ihrer Menschlichkeit, aber auch mit ihrem typisch britischen Sinn für Humor finden sie auch in scheinbar aussichtlosen Situationen neuen Lebensmut.
Credits
Awards, Auszeichnungen und Preise
Filmkritik
  • In einer der ersten Szene des Filmes "Another Year" von Mike Leigh fragt die Psychologin Gerri (Ruth Sheen) ihre Patientin Janet (Imelda Staunton), was ihr helfen würde. Ihre Antwort ist ebenso einfach – wie tragisch: "Ein anderes Leben". Diese Patientin wird im weiteren Verlauf dieses wunderbaren Films nicht mehr auftreten, aber ihre Replik gibt den Grundtenor vor. Denn ein anderes Leben brauchen auch die Freunde von Gerri und ihrem Mann Tom (Jim Broadbent). Da gibt es Mary (Lesley Manville), eine Kollegin von Gerri, die seit ihrer Scheidung auf der Suche nach einem neuen Mann ist und ihre Verzweiflung hinter künstlicher Munterkeit versteckt. Sie trinkt zu viel, hat Probleme mit dem Älter werden und anscheinend ein Auge auf Gerris wesentlich jüngeren Sohn Joe (Oliver Maltmann) geworfen. Doch bei Tom und Gerri – die jeden Witz über ihren Namen mit gelassenem Humor nehmen – findet sie Zuflucht. Auch für Toms übergewichtigen Freund Ken (Peter Wight) ist das Haus dieses glücklichen Paares eine Anlaufstätte. Er hat Alkoholprobleme, hasst sein Leben und in Tom einen Zuhörer.

    Inmitten dieses Treibens stehen also die seit Jahrzehnten verheirateten Tom und Gerri wie ein unverbrüchlicher Hafen. Ihr Glück, ihre Zufriedenheit kontrastiert das Leben all der unglücklichen Menschen in ihrem Umfeld. Sie haben sich in ihrem Leben eingerichtet, sind äußerst stabile Persönlichkeiten, die auf ihre labilen Freunde eine große Ausstrahlungskraft ausüben. Sie kümmern sich um ihre Freunde und Verwandten, sind aber auch fest entschlossen, ihre eigene heile Welt innerhalb ihrer Familie zu schützen. So erlauben sie ihren einsamen Freunden zwar, Zeuge dieses Glücks zu werden, aber sie werden niemals ein Teil davon. Dadurch werden sie zu einem Spiegel für all die Unglücklichen um sie herum: So wichtig dieser sicherer Hafen für sie ist, verdeutlicht er auch stetig, was ihnen im eigenen Leben fehlt. Besonders eindrucksvoll ist es im letzten Bild dieses berührenden Films zu sehen, wenn Mary am Tisch dieser munteren Familie sitzt – und dennoch ein Außenseiter bleibt.

    Bei seinen Filmen arbeitet Mike Leigh ohne konkretes Drehbuch, sondern entwickelt seine Ideen gemeinsam mit den Schauspielern in unzähligen Improvisationen. Nicht zuletzt deshalb sind seine Filme meistens grandioses Schauspielerkino, das die Menschen in den Mittelpunkt stellt. Und "Another Year" ist hier keine Ausnahme. Der Film folgt dem Ablauf eines Jahres, das zufällig ausgewählt scheint, einfach nur ein anderes Jahr im Leben von Tom und Gerri. So sind es die alltäglichen Geschichten, die im Zentrum dieses Films stehen, aber es ist eben auch der Alltag, der die Beziehungen zwischen den Menschen ausmacht. Es kommt zu keiner Katastrophe, sondern letztendlich bringen kleine Bosheiten und fehlplatzierte Andeutungen die Freundschaften ins Wanken. Und inmitten dieser scheinbaren Beiläufigkeit wird man sich gewahr, dass ein Filmemacher das Thema Glück selten eindringlicher behandelt hat.

    "Another Year" besticht mit einem hervorragenden Schauspielerensemble. Ruth Sheen und Jim Broadbent wirken herrlich durchschnittlich als glücklich verheiratetes Ehepaar, das sich schon längst seiner kleinen Schönheitsmakel nicht mehr schämen muss. Peter Wight spielt den übergewichtigen, stets schwitzenden Ken überzeugend und verleiht ihm zugleich den nötigen Hauch Verzweiflung. Überragend ist aber vor allem Leslie Manville in der Rolle der Mary. Sie geht den Zuschauern ebenso zu Herzen wie auf die Nerven. Ihr verzweifeltes Kokettieren, die ungeschickten Flirtversuche mit Joe, aber auch ihre selbstgerechten Bosheiten und aufdringlichen Unsicherheiten sind großartig. Dabei gelingt es allen Schauspielern scheinbar mühelos, den Eindruck des Vertrauten zu erwecken. Ein jeder kennt diese Typen, die dort im Film zu sehen sind. Da ist das etwas langweilige, aber sehr glückliche Ehepaar; die verzweifelte Szene-Frau, die ihr wahres Alter hinter billigen Klamotten und Alkohol verbirgt; der dicke Sauf-Kumpan, der zwar sein Leben hasst, aber es nicht wirklich ändert; und der nette junge Mann, der endlich eine ebenso nette Freundin findet. Sie schaffen identitätsstiftende Momente, durch die dem Zuschauer die Figuren ans Herz wachsen – und ihn auch nach Ende des Films nicht loslassen. Denn Mike Leigh gelingt etwas Außergewöhnliches: Er zeigt dem Zuschauer ein glückliches Paar, das nicht nervt, sondern den Zuschauer mit seiner menschlichen Wärme einnimmt. Und er zeigt menschliche Verzweiflung, die der Zuschauer eindringlich spürt. Genau das macht die Magie dieses Filmes aus: Er ist fast wie unser Leben, ohne deshalb abgefilmte Wirklichkeit zu sein.

    Fazit: "Another Year" ist ein wunderbarer Film über das Glück, das Unglück und das ganz normale Leben. Mit wunderbaren Schauspielern schafft Mike Leigh einen der eher seltenen Momenten im Kino: Der Zuschauer verlässt glücklich den Saal – und wird den Zauber dieses Films noch lange spüren.

    Sonja Hartl






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Userkommentare
8martin vom 03.03.2011
Mike Leigh hat den Film in die vier Jahresezeiten unterteilt. Die ersten drei sind recht amüsant und auch von der Atmosphäre her bilden sie eine Einheit. Nur hinter der Fassade schimmert immer mal wieder der menschliche Abgrund durch. Erst im Winter geht?s ans Sterben. Hier vertieft der Film all das, was vorher nur angedeutet wurde. Im Zentrum steht ein älteres Ehepaar (überzeugend Ruth Sheen und Jim Broadbent), die auch noch Tom und Gerri heißen. Sie sind nicht nur der ruhende sonders auch der Gegenpol zu all den kaputten Freunden und Verwandten um sie herum. Das sind ältere, einsame Singles, die wohl wegen ihren hochgesteckten Erwartungen, der eigenen Unfähgikeit und fehlender sozialer Kompetenz so ein Leben führen. Letztendlich ist es auch eine Auseinandersetzung mit dem Alter. Tom und Gerri gestalten es als einzige bewusst liebevoll. Sie sind sich ihrer Endlichkeit bewusst. Es gibt noch Platz für den Sohn, seine Freundin, Toms Bruder. Sie sind auch für andere da, deren Probleme können sie aber nicht lösen. Stilsicher rahmt Leigh das Gesellschaftbild ein mit einer depressiven Frau (stark Imelda Staunton) und einem fast autistischen alten Zombie. Meistens ernst, im Grunde ernüchternd und zutiefst beeindruckend.

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