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Kritik: Last Days of Disco (1998)


Das Lebensgefühl New Yorker Yuppies in den frühen 80er-Jahren nachzuzeichnen und gleichzeitig das Kinopublikum von heute interessant zu unterhalten, ist ein Spagat, den auch ein Filmemacher wie Whit Stillman nur mit Mühe meistert: "Last Days of Disco" ist nach "Metropolitan" und "Barcelona" der finale Beitrag zu Whit Stillmans Yuppie-Trilogie.

Wir treffen dabei ein Ensemble junger Karrieristen, die sich die Nächte in einer dem legendären "Studio 54" nachempfundenen Disco um die Ohren schlagen. Daraus entwickeln sich Romanzen, Eifersüchteleien und kleine Intrigen, vor allem aber wird geredet, geredet und nochmals geredet. Das Handwerkszeug geschliffener Dialoge hat die von Chloe Sevigny, Kate Beckinsale, Matt Keeslar, Chris Eigemann, Jennifer Beals und Mackenzie Astin dargestellte Clique dabei voll im Griff - nur bei den Themen hapert es: So debattiert man hier mit vollem Ernst über "Susi und Strolch" als Metapher des Geschlechterkampfes oder findet heraus, dass die Umweltschutzbewegung in den späten 50er-Jahren letztlich der Wiederaufführung von "Bambi" zu verdanken ist.

Das Flair der Zeit bleibt leider weitestgehend auf der Strecke - dafür erfahren wir zum ersten Mal den wahren Grund dafür, weshalb die Disco-Ära damals unterging: Sie wurde schlicht und einfach totgeredet.




Irgendwann geht jede Ära einem Ende entgegen. Und wenn es dann soweit ist, beklagen irgendwelche Filme die gute, alte Zeit. Mit der Disco-Ära Amerikas ist es ebenso. Ein beklagender Film war das eher mäßige Werk “Studio 54“, das an den Kinokassen dieser Welt erbärmlich floppte. “Last Days of Disco“ bietet nun einen ähnlichen Ansatz. Doch handelt dieser Film nur vordergründig von der Disco, im Mittelpunkt stehen junge Menschen, deren fast schon allgemeingültige Probleme hier erzählt werden.

Whit Stillman inszenierte nun schon drei Filme über die Probleme von aufstrebenden Jungstern, die trotz guter Bildung und aller offenen Tore keinen Weg durch das Lebenschaos finden. “Last Days of Disco“ ist dabei der dritte. Er floppte an den amerikanischen Kinokassen und wurde uns deshalb lange Zeit vorenthalten. Schade eigentlich, denn dieses Werk entpuppt sich als spannende, wie komische Charakterstudie.

Irgendwann ganz am Anfang der 80er definieren sich die beiden Freundinnen Alice und Charlotte nur über den Club, in den sie eintreten dürfen. Dementsprechend wichtig ist es ihnen, in der größten Disco Manhattans gesehen zu werden. Dort treffen sie auf den aufsteigenden Werbekaufmann Jimmy, den in der Disco arbeitenden Frauenhelden Des und den scheuen, jungen Staatsanwalt Josh. Schnell bilden sie eine Clique, in die noch der ungeliebte Arbeitskollege Tom und die Mitbewohnerin Holly eintreten dürfen. Zwischen den jungen Leuten entwickeln sich Spannungen, da niemand recht weiß, mit wem er nun eine Beziehung eingehen möchte, und wer nur für eine Nacht in Frage käme. Unsicherheiten, Ängste und eine unbändige Lust am Leben reiben sich mit dieser Orientierungslosigkeit, die alles überschattet.

Um die Geschichte zwischen diesen Figuren möglichst plastisch und einfach erzählen zu können, setzt Stillman die namenlose Disco, die dem legendären “Studio 54“ nachempfunden wurde, in den Mittelpunkt aller Handlungsorte. Hier spielen sich die episodenhaften, aber immer nah aneinander liegenden Dramen ab, hier zeigt sich das Äußere besonders offen. Dennoch, und das ist der Hauptaspekt des Films, zählt noch immer das Innere, welches in diesem Film selten mit dem Äußeren im Einklang steht.

Stillmans Figuren sind allesamt junge, aufstrebene Menschen. Sie zählen zu den gebildeteren Menschen in ihrer Umgebung, stellen sich aber von Außen betrachtet ungeheuer dämlich an, wenn es um ihr Leben geht. Sie alle müssen auf schwierige Art und Weise lernen, was ihr eigenes Leben ausmacht und was es ausmachen sollte. In ihrem Denken sind sie alle dem Rest der Welt überlegen, in Wirklichkeit aber, und das spüren sie, sind sie weder überirdisch intelligent, noch haben sie die Welt im Griff. Das nagt an ihnen, denn um sie herum bricht die einzige Umgebung auseinander, die sie irgendwie definieren konnte: Es sind die letzten Tage der Disco.

Die Disco-Ära war nämlich – das zeigt der Film in kurzen Ausschnitten - eine höchst umstrittene Zeit, in der die Jugendlichen sich zu einer großen Wir-Gruppe zusammenschlossen und sich von ihren elterlichen Hippie-Denken ablösen wollten.

Stilmans großes Geheimnis sind die Dialoge. Wenn sein neuster Film auch etwas diffus scheint und auch ungeheuer schnell in seiner Geschichte voranschreitet, er läßt seinen Figuren Zeit für Gespräche. Dabei wirken die Dialoge, jedenfalls im englischen Original, ungeheuer lebensecht und klar. Sie bilden die Figuren, wie deren Hintergrund. Wenn diese nämlich “Susi und Strolch“ vorschieben, um ihre Probleme in Metaphern zu verpacken, dann sagt dies einiges über sie aus.

So entsteht ein Bild, das man sich als Zuschauer latent erarbeiten muss. Im Endeffekt wird man dann aber mit einer zeitweise grandiosen Charakterstudie entlohnt. Alle technischen Einzelaspekte fügen sich unter den Dialogen und einer guten Regie zu einem spannenden Stück Kino zusammen. Denn im Kino gibt es nichts fesselnderes als interessante Charaktere. Stilmans Figuren sind dazu noch so zeitlos, dass man sich selbst auch irgendwo wiederfindet. Und irgendwann vergisst man eine unbestimmte Zeitspanne, dass man im Kino sitzt. Mehr kann ein Film eigentlich kaum erreichen, es sei denn, er wäre ein Meisterwerk.






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