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Kritik: Pola X (1999)


Mit Leos Carax ist es ein bisschen so wie mit Andy Möller. Lange als Geheimtipp und Erneuerer gehandelt, drohen beide sang- und klanglos in den Analen der Film- bzw. Fußballgeschichte in Vergessenheit zu geraten. Wobei der Absturz des Franzosen weitaus dramatischer verläuft, als der des Deutschen. Mit seinem neuen Werk hatte Carax wohl einmal mehr den ganz großen Wurf im Blickfeld gehabt. Doch wie schon bei "Die Liebenden von Pont Neuf" ist ihm der eigene Anspruch im Weg. "pola x" ist freilich mehr als eine gescheiterte Vision. Nicht einmal vom Scheitern auf hohem Niveau kann gesprochen werden. Der Film ist von einer geradezu verblüffenden Unsäglichkeit und dürfte, da wie schon bei den "Liebenden" auch das finanzielle Desaster ansehbar ist, dafür sorgen, dass dem exzentrischen Regisseur so schnell keine Millionen mehr zum Verpulvern zur Verfügung stehen.
"pola x" ist die freie Verfilmung von Herman Melvilles geheimnisvollem Roman "Pierre ou les Ambiguites". Carax hat die Handlung von Amerika nach Frankreich verlegt. In der Normandie lebt der junge Schriftsteller Pierre zusammen mit seiner Mutter auf einem Schloss. Verschwenderischer Wohlstand umgibt ihn. Die einzige Sorge gilt seiner kreativen Schaffenskraft. Nach dem ersten Bestseller plant er, seine Verlobte Lucie zu heiraten. Eines Tages jedoch betritt ein heruntergekommenes Straßenmädchen seine behütete Welt. Isabelle behauptet Pierres Schwester zu sein. Eine merkwürdige Aura umgibt die Fremde, und Pierre verfällt ihr hemmungslos. Er bricht radikal mit seinem bisherigen Leben und flieht mit Isabelle in eine ärmliche Vorstadtgegend bei Paris. Hier im Umfeld und Zustand materieller Entsagung beschließt Pierre, die künstlerische Reinheit zu suchen und ein Buch über die Wahrheit zu schreiben. Als schließlich die schon vergessene Verlobte auftaucht und ihre Rechte einklagt, entwickelt sich eine dramatische Dreiecksgeschichte, die am Rande des Abgrunds entlangtaumelt.
Was sich als gestraffte Inhaltsangabe noch leidlich plausibel anhört, und in der Tat durchaus ein wütender Exkurs über Sinnkrisen, Kreativität und die Rolle der Leidenschaft hätte werden können, ist in Carax’s filmischen Entwurf zu einem himmelschreienden Potpourri von verquasten Erzählstängen und geschmäcklerischen Bildern verkommen. Carax bemüht sich auch nicht ansatzweise, seine kuriose Geschichte psychologisch zu motivieren. Stattdessen wird ein Pathos bemüht, das vermutlich erhaben sein soll, in Wahrheit an Hohlheit nicht zu überbieten ist. Unsägliche Dialoge und schauspielerischer Dilletantismus lassen "pola x" vollständig in die Bodenlosigkeit abstürzen. Peinlicherweise verhält es sich am Ende tatsächlich so, dass der im Film beschriebene Niedergang eines Schriftstellers, der am eigenen Anspruch scheitert, seine verblüffende Spiegelung im Niedergang des Filmemachers Leo Carax hat. Die eitle Selbstverliebtheit mit der Carax hier sein pseudoelitäres Kunstverständnis ausbreitet ist gänzlich ungenießbar. Somit bleibt als einziges Highlight einer über zweistündigen Publikumsfolter Catherine Deneuve, die in einer (wenn auch gänzlich unmotivierten) Badezimmerszene füllige Oberweite zeigen darf.





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