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Kritik: Wer zum Teufel ist Juliette (1997)


Who the hell is Juliette?

"Who the hell is Juliette?" hat ein Problem ganz grundsätzlicher Art: Der Film interessiert sich nicht wirklich für die Menschen, die er porträtiert. Und die Erwartungshaltung, die der Titel weckt, wird nicht eingelöst. "Who the hell is Juliette?" Ja, gute Frage. Wer eigentlich? Gut 90 Filmminuten reichen nicht, um diese Frage zu beantworten.

Warum eigentlich Juliette und Fabiola? OK, beide haben ein Problem, weil sie ohne Vater aufgewachsen sind. Die eine ist eine liebenswürdige Hure in Kuba, die andere ein erfolgreiches Model in New York. Soweit so gut. Aber was geht wirklich in ihnen vor? Was passiert in ihren Köpfen? Nicht etwa, daß es nicht fotogen wäre, Fabiola beim Heulen zuzusehen, wenn sie an ihre verkorkste Kindheit denkt. Sie ist wirklich hübsch, da gibt's nichts. Aber warum sie weint, wäre schon interessant zu wissen. Nachfragen Fehlanzeige. Stattdessen scheint sich der Regisseur eher für Fabiolas attraktives Gesicht oder noch etwas anderes zu interessieren ("Du willst doch sowieso
nur meine Titten sehen!"). Der eigentliche Tiefpunkt des Films ist
allerdings das Treffen von Juliette und ihrem Vater, der als Elektriker in New Jersey arbeitet. Der Regisseur inszeniert das Wiedersehen zugleich unbeholfen und trändendrüsig auf einer Heiratsinsel! Peinlich, dieses "Bitte melde Dich"-Rührstück.

Mit "Who the hell is Juliette?" hält die MTV-Ästhetik auch im
Dokumenarfilmbereich Eingang. Bislang konnten sich TV-Kids "Dokus" über tolle Snowboard-WMs oder "fette" Hip Hop-Gigs nur im Fernsehen anschauen. Doch nun sind seekranke Kamerabewegungen und zu Sekunden gestückelte Szenchen auch im Dokumenarfilmbereich keine Fremdworte mehr. Regisseur Marcovich kopiert den Fernsehstil erfolgreich. Was schade ist, denn eigentlich sind seine Bilder wunderschön. Sie könnten viel über die kubanische Heimat von Juliette erzählen. Wenn sie nur etwas länger als ein Wimpernzucken dauern würden! Fast wünscht man dem Regisseur, daß er seiner Hauptdarstellerin besser zugehört hätte: "Meinst du wirklich, daß sich das jemand ansehen will?", fragt sie direkt in die Kamera.

"Who the hell is Juliette?" erinnert in mehr als einer Hinsicht an die
vielen Filme, die man sich jedes Jahr aufs Neue in der Forums-Sektion der Berlinale ansieht. Da ist eine gute Idee, vielleicht sogar interessante Charaktere, aber keine Dramaturgie, die anderthalb Stunden trägt. Nach ein paar Minuten wird's langweilig und man beginnt aus den Augenwinkeln die Lage zu sondieren, wie man den Kinosaal möglichst unauffällig verlassen kann. So lobenswert es ist, daß es ein Dokumentarfilm auf die große Kinoleinwand schafft. Man hätte dem Genre wahrlich ein besseres Beispiel gewünscht. Leider eine verpaßte Chance.




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