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Kritik: Sue (1997)


Daß die Wahrhaftigkeit eines Films nichts, aber auch gar nichts mit seinem Produktionsaufwand, um so mehr dafür mit dem unbedingten Willen von Regisseur und Autor um einen ehrlichen Blick auf Menschen und gesellschaftliche Zustände zu tun hat, war schon länger klar. Selten jedoch ist es so deutlich geworden, wie bei der kleinen Independent-Produktion "Sue" von Amos Kollek. Der Film hat mehr zu sagen über die Befindlichkeit von Großstadtmenschen im ausklingenden Zwanzigsten Jahrhundert, als ein Jahres-Output aus Hollywood. Dies gelingt natürlich nur mit einer genialen Besetzung, und Anna Thomson ist genau dies. Sie spielt die vereinsamte New Yorkerin Sue, deren gesellschaftlicher Abstieg unaufhaltsam scheint, mit einer Intensität, die buchstäblich wehtut. Ein ergreifenderes Frauenportrait (immerhin von einem Mann entworfen) sucht man im Kino der letzten Jahre vergebens.

"Sue" erzählt keine herkömmliche Geschichte. Der Film ist eine Zustandsbeschreibung vom Rand der Gesellschaft, und er macht beängstigend intensiv klar, wie schmal der Grad ist, auf dem immer mehr Menschen ihre Existenz fristen. Der Absturz kommt nicht mit einem großen Tusch, sondern schleichend, zunächst fast unmerklich. Und auf einmal ist man in einem Sog von Unausweichlichkeiten, und das Leben ist einem entglitten.
Genau dies passiert der Enddreißigerin Sue im New York von heute. Sie ist intelligent, hat Charme und Witz. Es fehlt ihr jedoch an familiären Bindungen, und dann verliert sie eines Tages ihren Job, auch die Wohnung ist gefährdet. Sue irrt durch die Stadt, ihre Suche nach Kontakten wird immer verzweifelter. Sex wird für sie ein Mittel zur Kommunikation. Sie lernt Männer kennen, deren Situation nicht minder deprimierend ist. Dann lernt sie aber doch einen kennen, der an ihr echtes Interesse zeigt, der als Rettungsanker ihrem Leben noch einmal eine Wende geben könnte. Aber aus lauter Angst vor Verletzung übersieht Sue diese Chance. Immer tiefer verliert sie sich in der Isolation.
"Sue" dürfte im Kinojahr 98 der Film sein, der am längsten und intensivsten nachwirkt. Und wer sich auf den verzweifelten Seelenstriptease von Anna Thomson einläßt, wird ihr Gesicht so schnell nicht mehr vergessen. Die Nackt- und Sexszene des Films sind irritierend unerotisch und ebenso fragil wie die psychische Konstitution der daran Beteiligten. Der Film bietet im Ganzen also nicht gerade das, was man unter guter Unterhaltung versteht, sondern vielmehr eine radikal ehrliche Auseinandersetzung mit existentiellen Fragen, freilich, ohne eine davon zu beantworten.




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