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Kritik: Titan A.E. (2000)


Wenn es ein Film schafft, gleich von Beginn an eine Gänsehaut des Staunens auf die Arme zu zaubern, dann ist das etwas Besonderes. Wenn er dann auch noch vollkommen unerwartet für die ganze Laufzeit in seinen Bann ziehen kann, dann ist das meisterhaft. "Titan A.E." ist dies, zumindest bei mir, wahrlich gelungen. Das wirft natürlich Fragen auf. Wieso funktionierte der Film so gut? Und warum mußte es so ein grandioses Kinoerlebnis sein, welches den finanziellen Tod der Animationsstudios von 20th Century Fox bedeutete? Denn solch ein Mut, sich von den traditionellen Ufern des Zeichentricks zu entfernen und dabei auch noch eine Menge Geld auszugeben, gehört in einer gerechten Welt belohnt. So aber ist der erste Zeichentrick-Science Fiction seit Jahrzehnten aus einem Major-Studio wohl dem typischen Trott zum Opfer gefallen, den Disney als seine stärkste Waffe gegen Konkurrenten nennen kann: Er ist den Erwartungen erlegen, die immer mit schönen Songs ausstaffierte, märchenhaft-charmante und vor allem kindgerechte Unterhaltung der harmlosen Art sehen wollen, sobald das Wort Animation fällt. Und da, sein wir ehrlich, ist Disney der Großmeister. Es ist aber sehr schade, daß eine verkorkste Werbestrategie und eine oft unfaire Publicity, die alle Stärken und Innovationen von "Titan A.E." gegen ihn auszulegen wußte, den Regisseuren Don Bluth und Gary Goldman ein Zeichen gegeben haben, doch wieder zum alten Trott zurückzukehren, sobald ihnen überhaupt noch einmal Geld gegeben wird.

Wie innovativ "Titan A.E." wirklich ist, läßt sich aus der Story kaum erahnen. Der Film erzählt ein episches Märchen, ganz im Stile von "Star Wars". Ein Märchen für junge Erwachsene also, nicht für Kinder.
Als Hauptfigur Cale fünf Jahre alt war, zerstörten die Drej, eine zwielichtige, komplett aus Energie bestehende Alienrasse, die Erde. Sein Vater, ein brillanter Wissenschaftler, verschwand seitdem mit einem besonderen Raumschiff, der Titan, um es vor den Aggressoren zu verstecken. Er kehrte nie wieder zurück. Nun, 15 Jahre später, taucht ein ehemaliger Kollege seines Vaters auf. Korso zeigt dem Jungen, daß er die Karte zur Titan in sich trägt. Das Schiff sei die letzte Hoffnung der Menschheit auf einen Wiederanfang. Doch Cale kümmert sich kaum um die wenigen Menschen in den Außenseiter-Kollonien. Er ist zu einem wahrhaft selbstsüchtigen jungen Mann geworden, der sich ein zu dickes Fell angelegt hat. Erst durch die schöne Pilotin Akima wird er sich langsam bewußt, daß es noch etwas anderes außer Rebellion und Trotz gibt. Er wird bereit der Gefahr Drej entgegenzutreten und die Titan zu finden...

Weniger als der Weg selber, sind es die Wegstationen dieser Reise, die für Furore sorgen. Durch die Freiheit der Animation können Bluth und Goldman Grenzen durchbrechen, die normalerweise dazu führen würden, daß die Bilder nicht überzeugend wirken. Was die beiden Regisseure nun aber auf die Leinwand zaubern, kann man nicht in Worte fassen. Durch ein wunderschönes Vermischen von 3D-Computeranimation und 2D-Zeichentrickfiguren ist eine vollkommen eigenständige, mit bisher Gesehenem kaum vergleichbare Welt entstanden. Mehr kann Kino nicht erreichen.

Dennoch sollte man die Funktion der Story nicht unterschätzen. Obwohl sie keinesfalls originell ist, hält sie doch so weit bei der Stange, daß einem Cale, Akima und die anderen ans Herz wachsen. Außerdem ist das Drehbuch für die durchweg erwachsene Stimmung zuständig, die der Film ausstrahlt. Humor gibt es nur dann und wann, spannende und actionreiche Sequenzen herrschen vor. Auch der grandiose, zwischen Orchester und Elektronik schwankende Score von Graeme Revell und die passenden Rocksongs, die wie bei jedem "normalem" Film im Hintergrund eingesetzt wurden, sorgen für eine wunderbare Stimmung, die "Titan A.E." kaum von Real-Filmen unterscheiden lassen.

Was "Titan A.E." leistet, ist eine Befreiung in zwei Richtungen. Zum einen befreit er die Animation vom Label des Kinderfilms und den Fesseln eines Disney-Genres. Zum anderen aber befreit er auch das erwachsene Real-Kino von den Fesseln eben dieser Realität, indem er es schafft, durch die Animation seine ganze Fantasie auszuspielen. Nicht von ungefähr erinnert er von seiner Erzählart her an die besten der japanischen Animes (Mononoke Hime, Ghost in the Shell), die es auch schaffen, die erzähltechnischen Möglichkeiten der Animation für erwachsene Sujets zu nutzen. Auch wenn sein Stil an die amerikanische Comic-Kunst erinnert, verdankt "Titan A.E." hier vieles den Japanern. So ist ein visuell grandioses, von der ersten bis zur letzten Sekunde unterhaltsames und mitreißendes Abenteuer-Epos entstanden, welches man sich als Kinofan auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Knut Brockmann

Im 31. Jahrhundert explodiert die Erde: "Titan A.E." von Don Bluth ("Feivel, der Mauswanderer") ist eine gleichermaßen infantile wie brutale Kinofassung der gewalttätigen Fantasy-Cartoons, die RTL und Co. am frühen Morgen für die Kinder senden. Entsprechend oberflächlich sind die stereotypen Charaktere. Der Handlungsschwerpunkt liegt vor allem bei den Explosionen - und bei den grenzdebilen Alien-Sidekicks, dem ärgerlichsten Merkmal dieses an Überraschungen so armen Films.

Die Optik, eine aufwändige Mischung aus 3D und herkömmlicher Zeichentechnik, ist zwar eindrucksvoll, aber nur selten überwältigend. Sinnloser Aktionismus wird mit einem allzu simplen Plot gepaart, der jeden über Zwölf für dumm verkauft.

"Titan A.E." erzählt vom Untergang der Menschheit und ihrem letzten Überlebenskampf, wird dabei seinem episch breiten Thema jedoch nicht gerecht - dazu fehlt es dem Streifen selbst an Menschlichkeit. Eine Lektion in Sachen Untergang haben die Macher mittlerweile selber lernen müssen: Nachdem der Film in Nordamerika gehörig floppte, hat 20th Century Fox die eigene Zeichentrickabteilung dichtgemacht. Nicht nur die Menschheit, auch Don Bluth und seine Mannen brauchen eine neue Heimat.





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