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Kritik: Die Weisheit der Krokodile (1990)


So ganz klar ist es nicht, was eine derart ungebrochene Faszination am Vampirmythos letztlich ausmacht. Allein in diesem Jahr sind vier Filme zum Thema zu sehen, wobei die Bandbreite des filmisch-erzählerischen Ausdrucks denkbar groß ist. An deren ruhigem und kunstsinnigem Ende ist der Film "Die Weisheit der Krokodile" angesiedelt. Ob der merkwürdige Titel, der im Verlauf des Films zwar erklärt wird, vermarktungstechnisch Sinn macht, sei mal dahingestellt. Aber, so ungewöhnlich der Titel, so bizarr ist eigentlich der ganze Film und seine Sichtweise bzw. Auseinandersetzung mit dem Thema, das hier so gar nichts transilvanisches an sich hat.
Wir befinden uns ganz im hier und jetzt: London des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Der charismatische Steven Grlscz (keine Ahnung wie man das ausspricht) ist der typische großstädtische Erfolgsmensch unserer Tage. Als medizinischer Forscher mit internationaler Reputation ist er gebildet, wohlhabend und charmant. Doch hinter dem scharfsinnigen Gesprächspartner und begnadeten Zeichner verbirgt sich ein Vampir. In alter Tradition saugt er seine Freundinnen aus. Deren Blut ist für ihn ein Lebenselixier, das er zur Ausbildung menschlicher Gefühle und Regungen, also zum Überleben, braucht.
Aber eines Tages gibt es dann Probleme mit der Entsorgung einer Leiche, und der weltgewandte Blutsauger gerät ins Visier der Polizei. Gleichzeitig lernt er die Ingenieurin Anna kennen, und diesmal scheint alles anders, denn er fühlt erstmals tiefe Liebe. Und schon ist er mittendrin im fatalen Vampirdilemma. Auf der einen Seite schafft er es nicht Anna anzuknabbern, da dies ihren Tod bedeuten würde. Auf der anderen Seite verfällt er zusehens, da seinem Körper der lebenswichtige rote Saft vorenthalten wird. Oder ist es vielleicht doch nur so, daß er Anna verschont, da er sich von der Polizei beschattet glaubt - Handelt er also aus wahrem Gefühl oder aus Taktik - In jedem Fall beginnt ein Wettlauf mit dem Tod, und den können in diesem Fall kaum alle Beteiligten überleben.
"Die Weisheit der Krokodile", eine britische Produktion des Hongkong-Regisseurs Po-Chih Leong, ist ein Film, der formal (Kamera hervorragend) besticht. Inhaltlich kommt das Ganze hingegen etwas schwerfällig daher. Allzu bemüht wirkt die radikale Umkehrung der klassischen Vampirmotive. Gerade die Versuche möglichst originell zu sein, verwässern das Thema und hinterlassen beim Zuschauer eine gewisse Ratlosigkeit. Das in solchen Fällen übliche Fazit lautet: Auf hohem Niveau gescheitert.
Thomas

Weine, mein Kind

Wer ist dieser Mann? Wer ist Steven Grlscz? Die Welt um ihn herum verschwimmt. Er scheint der Fokus allen Lebens zu sein. Kein Mensch weiß, was er macht. Keiner weiß, wie alt er ist. Keiner ahnt, was sich hinter ihm verbringt. Man ist angezogen, man ist abgestoßen. Angst paart sich mit Neugier. Ist er ein Mensch? Ist er ein Mann? Wer ist Steven Grlscz?
Dies fragt sich alle Welt, aber vor allem der Zuschauer. Denn Steven benimmt sich eigenartig, er wirkt gefährlich. Das erste Mal sehen wir ihn am Schauplatz eines schrecklichen Unfalls. Ein Auto ist von der Fahrbahn abgekommen und in der Krone eines riesigen Baumes gelandet. Fast surrealistisch mutet die Szenerie an. Hier scheint Steven reinzupassen. Er ist der souveränste Mann am Schauplatz, selbst die Polizisten schrecken vor ihm zurück. Denn er ist der Freund der Verunglückten.
Kurze Zeit später folgen wir ihm in die U-Bahn. Dort rettet er eine junge Frau davor, Selbstmord zu begehen. Er flirtet mit ihr. Nicht viel später landen sie im Bett. Dort schlägt er seine Zähne in ihren Nacken und saugt ihr Blut aus. Ist er ein Vampir? Warum verträgt er Tageslicht?
Kaum ist die Frau tot, sinkt er unter Krämpfen in sich zusammen und speit einen Edelstein aus. Er nimmt diesen und plaziert ihn in einem Kästchen, in dem auch weitere Steine liegen. Ein Stein fehlt noch. Nun wendet er sich einem roten Büchlein zu, auf dessen Cover er „Dispair“ schreibt Es ist gefüllt mit einem Dossier zur eben Ausgesaugten. Hat der Edelstein damit etwas zu tun? Warum führt er Buch?
Solche Unsicherheiten schleichen sich immer wieder ein. Die Gestalt des Steven Grlscz verstößt gegen alle Gesetze des Bekannten. 'Die Weisheit der Krokodile' ist kein einfacher Film. Regisseur Po-Chih Leong verfolgt die Strategie visuelle wie inhaltliche Klischees aufzubauen, um sie dann wieder einzureißen. Er erschafft eine Welt, die scheinbar nach den wohlbekannten Ordnungen funktioniert, in Wirklichkeit aber innerlich vollkommen anders ist. Alleine die Figurenkonstellationen zeigen dies: So wird Steven von der Polizei beobachtet. Sein Gegenspieler Inspector Healy scheint zuerst noch nach den typischen Mustern der Filmpolizei zu funktionieren. Als er dann aber von Steven einmal gerettet wird, ändert sich sein Charakter. Er zeigt plötzlich Gefühle und Eigenschaften, die er zuvor tief in sich verbarg.
Der Hauptteil der Geschichte beginnt aber erst mit dem Auftreten der attraktiven Anna. Der ruhig erzählte Vorlauf dient vor allem zur Konditionierung des Zuschauers, welcher sich erst jetzt auf die Geschichte und die Figuren konzentriert. Mit Hilfe der herausragenden, zeitweise distanzierten und dann wieder sehr suggestiv nahen Kamera von Oliver Curtis durchlebt man nun die Charaktere. Im Gegensatz zu den ahnungslosen Opfern bemerkt Anna das Andere in der Aura ihres neuen Freundes. Und er bemerkt seine Gefühle ihr gegenüber, etwas, was er vorher noch nie vermochte. Die Kälte des Reptils entweicht ihm.
Dennoch verbleibt man als Zuschauer unsicher, was nun geschehen wird. Die Liebesgeschichte scheint keinen schönen Verlauf nehmen zu können. Steven zerfällt zusehends. Er braucht das Blut seiner Geliebten. Dennoch will er sie nicht töten. In ihm brodelt ein Kampf zwischen Gefühlen und Instinkten.
Spätestens hier bildet sich der Film zu einem herausragenden Stück Kino. Irgendwo zwischen Angst und Faszination, Romantik und Spannung sitzt der Zuschauer vor diesem vielschichtigen Werk, welches nicht nur emotional überzeugend ist, sondern auch eine interessante, wenn auch manchmal zu sehr in den Vordergrund gesetzte Symbolik mit sich bringt. So zeigt der zusehends vor Hunger nach Anna verfallende Steven zum Beispiel die Wundmale Jesu, die unentwegt bluten.
Die emotionale Ebene überwiegt aber. Regisseur Leong nutzt schier unendlich viele Mittel, um den Zuschauer zu fesseln. Die Atmosphäre trägt immer etwas Suspense mit sich, da man das Ziel Stevens zu erkennen meint. Er verliert immer mehr die Kontrolle über sein Selbst. Irgendwie schließt man sich ihm aber auch an, da er klar im Fokus des Geschehens steht und die wichtigste Bezugsfigur wird. Wenn dann gegen Ende alles seine Zuspitzung erfährt, ist man ebenfalls innerlich zerrissen.
Wie gut der Film funktioniert, wie sehr er durchdacht erscheint, merkt man, wenn man sich die formalen Aspekte anschaut. Die Unsicherheit im Zuschauer wird nicht nur durch die Charaktere erzeugt, auch Kamera und Ton sorgen dafür. Diese bilden nämlich häufig Konterpunkte. Ebenso stehen Dialog und Schauspiel häufig im Kontrast. Man weiß nie wem oder was man trauen kann. Das Visuelle gegen den Ton. Starke Farbkontraste, extreme Figuren und die immer wieder eingerissenen Fassaden der eingeführten Klischees bilden eine perfekt funktionierende Einheit.
Nach Francis Bacon ist es die Weisheit der Krokodile, ihre Beute mit einem weinenden Auge zu reißen. Hier zeigt sich wodurch diese Mischung aus Horror, Krimi und Romanze zusammengehalten wird: Durch die Ambivalenz seiner Figuren, durch ihre unberührbare Fremdartigkeit und durch eine alles überdeckende Tragik.





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