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Kritik: Orphans (1998)


Das Thema des Films ist die Trauer, also ist es ein Drama. Wenn die
Familie im Laufe des Abends auseinandertreibt und wir den Waisen in ihrer
sturen Verzweiflung durch das nächtliche Glasgow folgen, ist jede Szene in
ein dementsprechend dunkles, windiges Nass getaucht. Aber als es auch am
nächsten Morgen nicht wirklich heller wird, über jedem Bild ein Schleier zu
hängen scheint, wird deutlich: Helden sind das hier nicht. Aber ein Drama ist der Film auch nicht.

Michael, einer der drei Brüder, wird in einer Kneipenschlägerei fast
erstochen und versucht, die blutende Wunde bis zum nächsten Morgen zu
bändigen, um sie als Arbeitsunfall deklarieren zu können. Der jüngste
Bruder John will in einer Art falschem Stolz die Familienehre verteidigen und
gerät auf der Suche nach einer Waffe an den (wahnsinnigen) Pizzataxifahrer
Tanga. Dieser organisiert ein Gewehr und beide werfen alle moralischen Grundsätze über Bord. Sie brechen in das Haus eines Kunden von Tanga ein, weil dieser nie Trinkgeld gegeben hatte und erst in letzter Minute kann John die
Eskalation der Situation verhindern.

"Tu´s nicht" möchte man den Figuren immer wieder zurufen. Doch man muß
hilflos zusehen, wie sie sich immer weiter im Schlamassel verstricken, in
einen Strudel, aus dessen Sog sich hier niemand befreien kann. Die behinderte Schwester Sheila fährt nach einem Streit mit dem ältesten Bruder Thomas in
die Nacht hinaus, bis in einer dunklen Gasse der Elektromotor ihres
Rollstuhls streikt. Schließlich wird sie von streunenden Kindern gefunden, und in einen anderen Stadtteil geschoben, wo sie wieder stehengelassen wird. Doch
irgendwie schafft auch sie es, so wie alle anderen Geschwister, am nächsten
Morgen in der Kirche zur Andacht zu erscheinen.

Die abstruse Erscheinung des Kneipenwirts, der unliebsame Gäste in seinen
Bierkeller sperrt, später aber nach einer Revolte der Gefangenen als lebende
Dartscheibe dienen muß oder die kalte Aggressivität Tangas, der skrupellos
das "normale Leben" grundlos zerstört - das sind Referenzen an "Pulp Fiction"
oder "Mann beißt Hund". Doch "Orphans" kopiert niemanden und ist ein
beachtliches Regiedebüt geworden: Peter Mullan ist vielen noch aus Ken Loachs "My Name ist Joe" bekannt - hiermit hat er allerdings einen Grundstein für eine Karriere auf der anderen Seite der Kamera gelegt.

Nur schade, daß der Film mit so wenigen Kopien (5) in die deutschen Kinos
kommt.





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