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Kritik: Nurse Betty (2000)


Ein Serviermädchen hält eine TV-Serie für real - und stürzt in wundersame Abenteuer.
Zartbesaitete werfen Neil LaButes Filmen Zynismus und Frauenverachtung vor. Das hat der Regisseur nicht auf sich sitzen lassen wollen. Jetzt überrascht er mit einer liebenswerten Komödie, in der sich die süße Renée Zellweger als naive Kellnerin Betty in die Herzen der Zuschauer spielt. Dennoch: LaBute versieht den turbulenten Spaß mit kritischen Untertönen und einer deftigen Portion Tarantino-Gewalt.
Betty schaut fasziniert die Arzt-Serie "A Reason to Love", die sich um die Amouren des Stardoktors David dreht. Als ihr fremdgehender Gatte Del sich mit Gangstern anlegt und ins Gras beißt, flüchtet die schockierte Betty ganz in die Fantasie-Welt ihrer Seifenoper. Im Glauben, Davids Geliebte zu sein, fährt sie nach L.A., um dem verdutzten Seriendarsteller in die Arme zu fallen. Auf ihren Fersen: die Killer ihres Mannes...
Wie eine normale Person im Fernsehwahn Illusion mit Realität verwechselt, weiß "Nurse Betty" zu grotesken Situationen zu steigern. Dass viele davon trotzdem plausibel sind, macht ihren besonderen Reiz aus. Augenzwinkernd zieht LaBute über TV-Konsum und die heuchlerische Medienwelt her, die Betty mit ihrem ehrlichen Charme im Sturm erobert. Wenn sich das schwarze Killer-Duo, bestehend aus dem besonnenen Charlie und dem hitzigen Wesley, witzige Wortgefechte liefern, wünscht man sich, dass aus dieser intelligent-frechen Tragikomödie eine (Fernseh-)Serie entstünde. Großes Bild Da wundert sich der Kunde: zielsicheres Kaffeegießen gehört zum Grundrepertiore von Seifenoper-Fan Betty (Renée Zellweger) 1
Wäre er nur echt - Betty (l.) freut königlich sich über ihr Geburtstagsgeschenk
2
Mit ihren Fähigkeiten als TV-geschulte Krankenschwester rettet sie das Leben eines Unfallopfers...
3
...und überzeugt die Klinik, die ihr aus Dank einen echten Job gibt.
4
Rosa (Tia Texada, r.) hält Betty für eine Spinnerin, hilft dem charmanten Mädchen aber gerne, ihren Traum-Mann zu finden
5
...bis sie ihm tatsächlich gegenübersteht. Doch Serienarzt Dr. David Ravell (Greg Kinnear) ist natürlich nur ein Schauspieler. Ein Schock für Betty...
6 (mit Blume)
Rote Rosen sollen die Todunglückliche versöhnen...
7 (freeman, rock und kinnear)
...auf deren Spur zwei sehr reale Killer (Morgan Freeman, l. und Chris Rock, m.) sind. Sie halten Betty für eine Diebin,...
8 (zellweger, freeman)
...die sich aber zu schützen weiß. Erst bietet sie Charlie (Morgan Freeman, r.) Einhalt...
9 (zellweger)
...und quittiert dann die Blumen mit einem entwaffnenden Lächeln. Filmreif! Rico Pfirstinger "Nurse Betty" entfaltet ein Universum aus zwei idealisiert zusammengebauten Traumwelten, die wie zwei Spiegelbilder einander gegenüber stehen. Sowohl Betty als auch Charlie verlieben sich in Wunschbilder, die ihre Bedürfnisse reflektieren. Durch den geschickten Einfall, Betty gleichzeitig als aus der Realität Fliehende und auch als Wunschbild Charlies zu zeichnen, kommentiert "Nurse Betty" seine eigene Grundkonstruktion. Das Spiel mit den verschiedenen Ebenen gelangt zu einer inneren Tiefe, die die Frage nach dem persönlichen Glück und auch der gesellschaftlich medial proklamierten Idealzustände deutlich in das Zentrum des Filmes rückt. Dies mag aufgrund der comic- oder pulphaften Ausgestaltung der Handlung vielleicht verwundern, wird aber als Thema mittransportiert. Dabei erweist sich der scheinbare Gegensatz zwischen Form und Inhalt als brillanter Schachzug. Ohne übermäßig schwermütig daherzukommen, zieht uns "Nurse Betty" genüsslich in seine Scheinwelten hinein und hält uns gnadenlos den Spiegel der grenzdebilen Daily-Soaps vor die Nase. Die aufgebaute Spannung sorgt für die Kraft, welche der Film ausstrahlt. Das ganze unterstützt Regisseur Neil LaBute mit Hilfe seine Hanges zu einer gehörigen Portion galliger Satire. Gleichzeitig vermischt er das mit dunklen Untertönen und Gewalt. Der so gemixte Cocktail funktioniert prächtig, weil eine gekonnte flüssige Inszenierung auf ausgezeichnete Darsteller trifft. Und wenn Charlie am Grand Canyon in seiner Phantasie im Mondlicht mit Betty tanzt, dann stellen auch wir uns die Frage, ob es nicht vielleicht tatsächlich besser wäre in einer solchen Welt zu leben. "Nurse Betty" besticht durch seinen treffenden satirischen Witz, der sich mit der flotten Machart zu einer hintergründigen Parabel über Traumwelten und Bedürfnisse verbindet, die den vordergründig oberflächlichen Plot veredelt.




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