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Eine wahre Geschichte - The Straight Story
Eine wahre Geschichte - The Straight Story
© Senator Film

Kritik: Eine wahre Geschichte - The Straight Story (1999)


Eine abgelegene Destillerie in Tennessee, am Mississipi - einer malerischen Gegend, in einem der schönsten Flecken Nordamerikas. Hier führt uns die Kamera in ruhigen, fließenden Bewegungen in den Innenraum einer Scheune hinein, wo drei ältere Männer mit Cowboy-Hüten zwischen Whiskey-Fässern Karten spielen. Die tiefe off-Stimme des Sprechers stellt uns die Männer vor und kommentiert die Szenerie, indem er uns erklärt, was das Unabdingbare für die Herstellung eines guten Whiskeys ist: die Zeit.

Was das mit David Lynchs neuem Film zu tun hat? Nun, es handelt sich in "The Straight Story" nicht um eine Whiskey-Brennerei, aber seien es die dargestellten Personen, als auch - und insbesondere - die Stimmung, die von diesem Film ausgeht, erinnert er durch seine atmosphärische Dichte und Gemächlichkeit an die nunmehr legendäre "Jack-Daniels"-Werbung. Was in dem kurzen Werbefilm mit dem im Vordergrund stehenden Produkt in subtiler Art propagiert wird ist auch der Reifeprozess. Und auf diesem beruht diese "wahre Geschichte" - das außergewöhnliche Leinwandwerk des Regisseurs solcher Filme wie "Lost Highway" oder "Blue Velvet". Selbstverständlich geht Lynch mit "The Straight Story" um einiges weiter, als dass er nur auf den Vergleich mit einem Werbefilm reduziert werden könnte. Allein schon die Einführung, in der wir das Ambiente von Laurens kennenlernen, ist seinen Vorgänger-Filmen in jener, uns bekannten Fremdheit und den halluzinatorischen Charakteren dermaßen gleich, dass man trotz der Einfachheit dieser Geschichte dennoch von einem puren Lynch-Stoff sprechen kann. Ja, trotz der überraschenden Andersartigkeit seiner Erzählstruktur - der Abweichung von einem verflochtenen, mehrdeutigen Erzählmodell, hin zu einer bezeichnenderweise `straighten`, also geradlinig gestalteten Story. Dieser geht eine wahre Begebenheit voraus; eine Geschichte, die zwar moderat und einfach anmutet, und dennoch recht spektakulär war, so dass sich für einige Zeit in sämtlichen US-Radio- und Fernseh-Stationen, sowie etlichen Presseblättern, alles nur um einen Mann zu drehen schien: Alvin Straight. Über siebzig Jahre trägt dieser Mann auf seinen Schultern. Er lebt in einer Kleinstadt, zusammen mit seiner Tochter Rose - eine Frau, die man für langsam hält, weil sie Schwierigkeiten mit dem Sprechen hat. Schwierigkeiten, die vermutlich von einem tragischen Brandunfall herrühren bei dem sie ihre beiden Kinder verlor. David Lynch bringt hierbei die authentischen Züge der Geschichte zusammen mit einer metaphorischen Sprache, die vorallem davon lebt, zu schweigen, zu erleben und zuzuhören. Konzentriert werden diese Tugenden auf der filmischen Metapher schlechthin: der Straße. Und wie die tragische Figur des Vagabunden, bewegt sich - sinnbildlich gesprochen - dieser unser Held, der mit gesundheitlichen Problemen, welche die Zeit, die herbe Natur mit sich bringt, zu kämpfen hat: Wegen eines Hüftleidens benötigt er zwei Krückstöcke als Geh-Hilfen, und auch seine Sehkraft ist so geschwächt, dass er nicht mehr Auto fahren kann. Dennoch kann den wortkargen, sturen Alvin nichts davon abhalten, sich auf seinem `66er John-Deere-Rasenmähertraktor zu setzen und seinen Bruder Lyle, mit dem er vor etlichen Jahren im Streit auseinanderging, unmittelbar nachdem er von dessen Schlaganfall erfährt, aufzusuchen. Richard Farnsworth, dem gerade diese Rolle, als Outlaw-Ikone wie auf dem Leib geschrieben zu sein scheint, verköpert den letzten Cowboy in anrührender Art und Weise: Er ist der Großvater, dem man am Kaminfeuer gebannt und voller Ehrfurcht zuhört; dessen Weisheiten man förmlich aufzusaugen sucht - und vor dem man sich, ohne verlegen sein zu müssen, stets als Kind fühlen kann.

"The Straight Story" ist mehr als eine geradlinig erzählte Geschichte um einen alten Mann; es ist ein respektvoll-zärtlicher, intimer und ungeschmückter Blick eines brillianten Regisseurs auf einen, der auszog, Menschlichkeit zu lehren.

Ein Lagerfeuer, irgendwo in Iowa: Davor sitzen ein alter Mann und eine junge Ausreißerin, die schwanger ist. Ihre Familie, sagt sie, sei wie ein Gefängnis. Der Mann, ein Sturkopf alten Schlages, drückt ihr ein Stöckchen in die Hand, das sie mühelos zerbrechen kann. Dann gibt er ihr ein ganzes Bündel Stöcke – unmöglich, dieses zu zerbrechen. "Das Bündel", sagt der alte Mann, "das ist die Familie." Alvin Straight, der Held in diesem wunderschönen Film von David Lynch, bringt stets das beste in den Menschen an die Oberfläche, denen er auf seinem langen Weg begegnet. Auch Alvin, brillant gespielt von Richard Farnsworth, ist ein Durchschnittstyp – doch David Lynch ist alles andere als ein Durchschnittsregisseur. Er, den das Publikum durch "Wild at Heart", "Eraserhead" und "The Lost Highway" als Meister des Bizarren kennt, gibt sich hier sanft und liebevoll und lässt den greisen Alvin Straight auf einem Aufsitzrasenmäher seinen Obsessionen folgen – egal, ob die ihn in den Himmel oder in die Hölle führen. Mild at Heart: "Straight Story" ist ein reifes Werk von einfacher Erhabenheit und Poesie – gediegen, weise, meisterhaft. Das weite Land, von Kameramann Freddie Francis milde-melancholisch eingefangen, bildet die traumhafte Kulisse für eine ungewöhnliche Reise ins Ich, die Alvin Straight mit seiner eigenen, nicht immer rühmlichen Vergangenheit versöhnt. Die Seele dieses Films aber sind Alvins Augen, in denen sich Schmerz, Weisheit und Bedauern spiegeln. Denn "das Schlimmste am Altwerden ist, wenn man sich dran erinnert, wie es früher einmal war."




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