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Kritik: Ein Spezialist (1998)


Als "Mann im Glaskasten" ging er 1961 um die Welt: ein farbloser Pedant und Schreibtischtäter, sichtlich bemüht, die Anklagepunkte seiner Strafverfolger im ihm vertrauten Bürokraten-Jargon zu entkräften. Jedoch: Von 1939 bis 1945 war Adolf Eichmann in der Nazi-Kriegsmaschine ein regelrechter Spezialist. Zu Beginn seiner "Karriere" organisierte der "erfahrene Praktiker", wie er sich bezeichnet, in Wien die Zwangsauswanderung von Juden. Ab 1941 war er schließlich als SS-Offizier im Referat "Jüdische Angelegenheiten und Evakuierung" des Reichssicherheitshauptamts verantwortlich für die Vernichtung von Millionen.

Vom ersten bis zum letzten Tag wurde der spektakuläre Eichmann-Prozess im Jahre 1961 mit der damals noch kaum entwickelten Videotechnik aufgenommen. Aus 350 Stunden unveröffentlichten
Aufzeichnungsmaterial destillierte Eyal Sivan diese packende Dokumentation über einen ganz "normalen" Befehlsempfänger, die den harmlos wirkenden Mann mit schütterem Haar und dunkler Brille als Buchhalter und Bürokraten entlarvt, dem mit Begriffen wie Schuld und Reue nicht beizukommen ist.

Die Arbeit mit Dokumentarmaterial ist schwierig. Der Dokumentarfilm ist so umstritten, wie keine andere Filmform. Dementsprechend wurde bei jeglicher Ankündigung zu "Ein Spezialist" das Wort Dokumentarfilm vermieden. Aber dennoch ist der Film nichts anderes, und in seiner Form ist er wohl äußerst problematisch.

Die beiden Autoren dieses Films, Ronny Brauman und Eyal Sivan, haben aus über 300 Stunden Filmmaterial zu dem Prozess gegen Adolf Eichmann einen zweistündigen Film zusammengeschnitten, der eine Art Portrait des Naziverbrechers darstellen soll. Schon alleine diese Tatsache offenbart das größte und allgemeingültige Problem eines Dokumentarfilms: Die Autoren müssen aus eine Masse an Material entscheiden, was gezeigt wird und was nicht. Dies bedingt natürlich schon eine gewisse Kontrolle über den Zuschauer. Dieser kann sich kein Bild machen, sondern er bekommt es gemacht, und zwar auf eine Weise, dass er es nicht einmal bemerkt. Dazu kommt –im kleineren- die Montage. Durch den Zusammenschnitt von unterschiedlichen Begebenheiten können Zusammenhänge erstellt werden, wo gar keine existieren.

Diese Probleme teilt auch "Ein Spezialist", zum Vorwurf kann man ihm dieses aber nicht machen. Was viel schwerwiegender ist: Anstatt diese Probleme einer subjektiven Erstellung zu minimieren, drücken die Regisseure ihre Meinung, oder -bösartiger formuliert- auch ihre Ideologie, förmlich ins Bild und vor allem in den Ton. Nicht nur spürbar, sondern auch klar wird hier böseste Kolportage mit einem Thema betrieben, das eine viel bessere Bearbeitung verdient hätte.

Adolf Eichmann, 1906 in Solingen geboren, war der leitende Bürokrat hinter der Deportation der Juden. Er erstellte die Fahrpläne für die Züge, die als Endstation Vernichtungslager hatten, berechnete sogar die Kapazität des Waggons, in die man die wahrlich zum Tode Verurteilten einpferchte.
Im Prozess-Saal zeigt sich ein Bürokrat, penibel mit seinen Akten, in klarer Amtssprache sprechend. Erschreckend "normal" präsentiert er sich in seinem Verhalten. Der typische, graue Amtsmann, wie er einem noch so manchmal beim Gang zum Rathaus über den Weg läuft. Er hat nichts diabolisches an sich.

Anstatt diese Tatsache wirken zu lassen, setzen ihn die beiden Autoren nun mit Tonmaterial ins "rechte Licht". Anstatt die erschreckende Dialektik seiner Person wirken zu lassen, werden scharfe Musikeinlagen eingesetzt, Geräusche umraunen die bösartige Verteidigung dieses Monsters. Er wird aus unserer Nähe gerissen, man spricht ihm immer mehr Menschlichkeit ab. Es ist klar, dass die beiden Autoren hier ein Nachdenken und Erschrecken im Zuschauer provozieren wollen. Leider nehmen sie dem Film damit aber eine Menge Kraft. Je näher nämlich dieser Verbrecher uns selbst ist, desto stärker projezieren wir sein Leben und seine Taten auch auf uns. Die sichtlichen und ideologischen Verfälschung stören diesen Charakter nur. Am schlimmsten bei seinem Schlussplädoyer: Anstatt Eichmann zu Wort kommen zu lassen, werden brummende Töne eingestreut, der Monolog wird auseinandergerissen, Bildsprünge in die Spiegelung seines Konterfeis und zurück machen geradezu mit der Brechstange klar, was wir hier zu denken haben und was die beiden Macher dazu denken. Dies sieht virtuos aus, keine Frage, aber dem Zuschauer wird jede Möglichkeit zur eigenen Meinungsfindung entzogen.

"Ein Spezialist" macht niemals offensichtlich klar, dass er eine Fiktion ist. Er stellt sich als real dar. Da er damit –natürlich und hoffentlich auch weiterhin- den allgemeinen Kanon wiederholt, werden sich auch wenige darüber aufregen. Da wo Spielfilme, die ja alleine von ihrer Machart her noch klar fiktiv sind, immer wieder auf ihre Fiktion hinweisen, wie es bei "Schindlers Liste" die "bunte" Rahmengebung und zum Ende hin auch der Aufmarsch der echten Schindlerjuden mit "ihren" Schauspielern tuen, oder bei "Nichts als die Wahrheit" die komplette Handlungsgebung in unserer Zeit, da feht es diesem "Dokument". Etwas mehr Zurückhaltung und ein paar Informationen zur Machart und zum Ende des Prozesses wären von Nöten gewesen. Wie wäre es zum Beispiel mit der Verhaftung Eichmanns oder mit seiner Hinrichtung, als man seine Asche in alle Winde verstreute? Dies hätte den Schauprozess-Charakter und die Rache gezeigt, die Israel hier bewies. Etwas schaler Beigeschmack wäre gut gewesen. Denn sind wir so weit anders, als dass wir hier ein so einfaches Gut-Böse Schema auflegen dürften? Ich denke, wir müssen selbst erst noch viel bessere Menschen werden, um so mit dem Finger auf andere zeigen zu dürfen, anstatt uns selbst zu überwachen. Denn Eichmann wäre eigentlich der beste Beweis, wie banal das Böse sein kann. Erschreckend.





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