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Kritik: Kevin & Perry ... tun es (1999)


Schräger geht’s nicht mehr! Was die skurrile Teenie-Komödie "Kevin and Perry" an Ekelhaftigkeiten alles bietet, kann Kindern durchaus den Appetit auf die Pubertät verderben. Auch ohne Serien platzender Eiterbeulen oder Fäkalien, die sich wie Fontänen über die geschniegelte Strandidylle von Ibiza ergießen, wäre der Film eine Hommage an die Hässlichkeit: Bei den beiden Hauptcharakteren Kevin und Perry sucht man ebenso verzweifelt ästhetische Ruhepunkte für das Auge wie bei den meisten der anderen Protagonisten. Dabei geht es in Ed Byes Film doch um die schönste Sache der Welt – Sex oder etwas genauer: das erste Mal!

Diesem Thema nähert sich der serienerfahrene Regisseur mit einer deftigen Portion britischen Humors, der keine Gelegenheit auslässt, um jugendliche Romantik und aufgebauschte Sexmythen mit gepfeffertem Zynismus als Trugbilder zu entlarven. Mit den beliebten englischen TV-Komikern Harry Enfield und Kathy Burke hat Bye das passende Gespann für die überdrehte Story verpflichtet. Enfield lässt in seiner clownesken Darstellung des Kevin keinen Zweifel an der Mannesferne des verschrobenen Einzelkindes offen. Kathy Burke wiederum verleiht Kevins Kumpel Perry nicht zuletzt durch die erfolgreiche Verhüllung ihrer weiblichen Reize die Qualitäten eines sexuellen Neutrums. Beide zusammen ergeben ein wahrhaft schauerliches Gespann, das in seiner Darbietung weit über eine Persiflage des pickligen Pennälers hinausschießt und den Streifen in ein groteskes Fahrwasser taucht.

Den beiden Supertölpeln stellt Bye die passende Kulisse zur Verfügung: In seiner Schilderung des Urlauberparadieses von Ibiza tummeln sich mehr Klischees als Badenixen, an Kevins Familientisch scheint das minderbemittelte Gebaren des adoleszenten Eigenbrötlers niemanden ernsthaft zu stören. Doch gerade die traute Nähe von Absurdität und kleinbürgerlicher Normalität sowie die konsequente Überzeichnung sind Markenzeichen dieser gelungenen Komödie, die auch mit brillanten Effekten, intelligentem Schnitt und expressiver Kameraführung einige Blitzlichter setzt.

Was den Gehalt der Story angeht, so konzentriert sich Bye auf den doppelbödigen Umgang der Gesellschaft mit dem Thema Sex und beschränkt sich ansonsten auf komische Untertöne, die mit den Plattitüden und Gesetzen des Flirtens hart ins Gericht gehen. Wie schnell bemitleidenswerte Chaotie in attraktive Coolness umschlagen kann, zeigt das stilisierte Happy End, in dem beide Helden nach ihrem Zufalls-Debüt als DJ-Duo ihr heiß ersehntes "erstes Mal" erleben dürfen.

Titus Beile

Einem Film wie "Kevin & Perry ... tun es" Geschmacklosigkeit vorzuwerfen, wäre ebenso leicht wie falsch. Denn genau das ist es, was er sein will, oder um genau zu sein, will er doppelt geschmacklos sein. Als Reaktion auf Teenie-Komödien im Stile von "American Pie" versucht sich "Kevin & Perry ... tun es" an einer parodistischen Reflexion dieser Werke, ohne das Thema "Erster Sex" zu verraten. Dabei muss er, den Regeln einer Parodie entsprechend, die Kotzgrenze der Gags weiter nach außen schieben. So wie man ein Feuer in der Steppe mit einem Gegenfeuer bekämpft, soll es den kalkuliert plumpen Witzen der Vorlagen mit noch plumperen an den Kragen gehen, damit der vorführender Gestus der Charaktere, entlarvt wird.
Und das geht dann so: Weil man der Grundkonstellation offensichtlich doch noch nicht genug vertraut, nimmt man zwecks besserer Vermarktbarkeit zwei Figuren einer erfolgreichen britischen Comedy-Serie ("Harry Enfield and Chums"), nämlich die titelgebenden Kevin und Perry. Diese beiden werden dann durch eine Reihe von Szenen gejagt, die jeweils einen oder mehre Gags auf ihre Kosten beinhalten. Als running Gag kristallisiert sich - und hier verrate ich nicht zu viel, da dies bereits sehr früh klar wird - heraus, dass sie bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit eine gigantische Erektion bekommen, sobald eine Frau in der Nähe ist. Das passiert dummerweise so oft, dass es doch recht schnell langweilig wird. Nicht nur wird dadurch dieser Witz völlig zu Tode geritten, sondern wie der Film ihn einsetzt verkommt sehr schnell zu hohler Kalkulation. Denn wirklich Originelles haben sich die Macher nicht einfallen lassen - es werden auf diese Weise zum Beispiel Tische oder Personen angehoben. Wer darüber auch noch beim zweitenmal lachen kann, der ist in diesem Film sicher richtig aufgehoben, alle anderen sollten vorsichtig sein.

Durch die dramaturgische Konstruktion verschwindet die Parodie fast vollkommen in der Figurenkonstellation, da die Geschmacklosigkeiten nicht als solche erkennbar sein können, wo doch die Vorlagen schon mit genügend aufwarten. Alles, was im Film gemacht wird, läuft dementsprechend ins Leere. Lediglich Rhys Ifans gibt die routinierte Karikatur eines Djs mit schön überzeichneter Arroganz und Selbstverliebtheit, was zu ein paar gelungenen Szenen führt. Der Vollständigkeit halber sein hier noch erwähnt, dass es durchaus einige wenige Einfälle im Drehbuch gibt, bei denen man herzhaft lachen kann. So zum Beispiel die Schlusseinstellung, die auf treffende Weise einen satirischen Kommentar zum Kopulations-Klischee Ibizas gibt. Dies darf aber nicht über die grundsätzliche Tendenz hinwegtäuschen.

Der Versuch, die Teenie-Komödien mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen, misslingt aufgrund des verfehlten Ansatzes über weite Strecken. Einzelne gelungene Ideen reichen nicht aus, um den Film sehenswert zu machen.





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