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Kritik: Clip Cult Vol. 1: Exploding Cinema (1999)


Ein gänzlich verwaistes Revier des Kinos betritt diese ungewöhnliche Zusammenstellung von Rapid Eye Movies. Als lange überfällige Brücke zwischen hehrer Kunst und versiertem Zeitgeist zeichnen sich zwölf subjektiv ausgewählte Musikvideos aus. Der ambitionierte Kölner Verleih zeigt Courage: Er schafft ganz selbstbewusst ein aufregendes Forum für elektronische Musik und Videokunst – auf großer Leinwand. Das Videoformat der Vorlagen zogen die Hersteller auf 35mm auf und sorgten für donnernden Dolby-Surround-Sound.

Abseits von konventionellen VIVA-Hits, die permanent bis zum Nervenzusammenbruch gespielt werden, konzentriert sich “Clip Cult Vol. 1“ auf experimentelle Nischenprodukte, die sich dort bestenfalls in die quotenschwache Nachtzeit verirren. Die sonst gesichtslosen, anonymen Musikclips dürfen endlich ihre Herkunft verraten. Neben Hiroyuki Nakano (“Samurai Fiction“) tritt vor allem der renommierte Regisseur Chris Cunningham mit gleich sechs Arbeiten auf.

Die Musik stammt von außergewöhnlichen Künstlern wie Ken Ishii, Autechre, Aphex Twin, Alex Gopher, Fatboy Slim und Björk. Schaut man sich die Ideen und deren Umsetzung genauer an, findet man radikale Konsequenz und probierfreudige Vielfalt, die dem regulären Durchschnittsfilm schon lange abgeht. Wenn in “ Afrika Shox“ von Leftfield ein Schwarzer in einem kalt-schmutzigen New York buchstäblich in Einzelteile zersplittert, oder in “Rewind“ von Cylob eine perfekte Kung-Fu-Kämpferin komplizierte Formen läuft, umwirbelt von einer halsbrecherischen Kamera – in einer einzigen Einstellung wohlgemerkt, kribbelt´s im Bauch.

Den Vogel schießt jedoch “Come to Daddy“ von Aphex Twin ab, ein einschlägig berühmt-berüchtigtes Werk: In einem tristen Häuserghetto schreit ein Dämon mit grässlich verzerrter Stimme aus dem Fernseher: “I Want Your Soul“. Dazu knüppeln harte Big Beats auf den Zuhörer/Zuschauer ein. Das ist echter Terror, ohne jegliche Eingeständnisse an zarte Gemüter. New Musical Express drückte es treffend aus und nannte das Werk “The Exorcist of Music Videos“. Regisseur des modernen Klassikers ist abermals Chris Cunningham, der wie kein zweiter seine Visionen konsequent verfolgt. Ursprünglich plante Cunningham Roboterentwürfe für Kubricks "A.I.". Dieser Weg zum Spielfilm ist ihm durch Kubricks Tod leider versagt worden.

“Clip Cult Vol. 1 – Exploding Cinema“ ist das fehlende Glied zwischen Kino und Jugendkultur der 90er.





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