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Code: Unbekannt
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Kritik: Code: Unbekannt (2000)


Dass Michael Haneke, seit vielen Jahren eine herausragende Persönlichkeit des europäischen Autorenfilms, einem breiteren Publikum völlig unbekannt ist, kommt nicht von ungefähr. Seine Werke verschließen sich den Kategorien des auf kurzfristige Wirkung abzielenden Unterhaltungskinos. Im Grunde genommen hat Haneke nicht einmal Geschichten zu erzählen. Ihm geht es keineswegs darum, dass das Publikum für zwei Stunden die Welt um (und in) sich vergisst. Vielmehr laden seine Filme ein zu einer vertieften Betrachtung und Auseinandersetzung mit dem, was sich so um (und in) uns tut. Dies gilt auch und im Besonderen für sein neues Meisterwerk "Code: Unbekannt".
Der Film setzt mit einer circa zehnminütigen Exposition ein, einem atemberaubenden cineastischen Glanzstück. Eine Kette von unglücklichen Zufällen führt auf einem belebten Pariser Boulevard vier Personen zusammen. Es ist dies die erste von gut 20 Plansequenzen, die den Film auf formaler Ebene strukturieren. Diese Sequenzen sind (bis auf einige Film im Film-Szenen) ungeschnitten.
In der Folge beleuchtet der Film, mal in Rückblenden, dann in Voraussichten, das Schicksal der Hauptfiguren und ihren familiären Hintergrund. Im Einzelnen sind dies eine Schauspielerin, ein Junge vom Lande, eine illegale rumänische Einwanderin und ein schwarzafrikanischer Taubstummenlehrer.
Indem der Film weder länger an einer Person bleibt, noch sich an zeitliche Chronologien hält, birgt "Code: Unbekannt" immer wieder verblüffende Überraschungen, die dem aufmerksamen Zuschauer eine ganze Reihe frappierender Aha-Erlebnisse bescheren. Ein bisschen funktioniert das - und ist wohl auch so intendiert - wie die Katharsis des aristotelischen Theaters.
Nach und nach schälen sich zwei zentrale Themenkomplexe aus dem Film heraus, und Haneke versteht es auf wunderbare, aber eher noch bestürzende Art und Weise, sie miteinander zu verknüpfen. Zum Einen geht es um die neue Völkerwanderung innerhalb von Europa. Zum Anderen wird das Verhältnis von leidvoller Realität und den Formen ihres Abbildes, etwa in den Medien, beleuchtet.
Bei allem intellektuellen Diskurs versteht es Haneke jedoch stets, jedwede seminardidaktische Gesten zu vermeiden. Lösungen oder Antworten bietet der Regisseur nicht. Haneke ist vielmehr einer, der auf höchstem Niveau die elementaren Fragen des Medienzeitalters ausformuliert. "Code: Unbekannt" ist ein ungemein vielschichtiger und komplexer Film, dessen ganze Tiefe und Fülle sich durchaus erst bei mehrmaligem Betrachten erschließt. Wie zum Beispiel die kontroversen Lesarten einer zentralen Szene, in der zwei ausländische Jugendliche in der Pariser Metro recht rüde die Schauspielerin Anne attackieren und schließlich ein älterer Ausländer als einziger eingreift. Bei genauem Hinschauen und -hören kann man aber durchaus auch zu dem Ergebnis kommen, dass die Jugendlichen mit ihren (in Teilen auch humorvollen) Anwürfen so unrecht vielleicht gar nicht haben und dass der ältere Herr, der die Beleidigungen beherzt unterbindet, gewissermaßen der eigenen Klasse in den Rücken fällt. Haneke lässt dies, wie so vieles andere, offen. Er verlangt und verdient somit ein reifes, mitdenkendes Publikum.




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