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Kritik: Die totale Therapie (1997)


Brutale Selbsterfahrung
Ein bunt zusammengewürfelter Haufen von Menschen mit bürgerlichem Etikett kraucht auf dem Fußboden herum, stöhnt, schreit und liefert entwürdigende Szenarien in Hülle und Fülle, stets begleitet von den sterilen Augen eines königlich anmutenden Therapeuten. In diesem Film von Christian Frosch geht es in der Tat um eine "totale Therapie", um das systematische Aufbrechen selbst geheimster Verdrängungskünste und Abwehrstrategien, bis zum bitteren Ende.

Blixa Bargeld mimt den verhärmten Psychologen Dr. Roman Romero mit einer geradezu teuflischen Perfektion, die ihn nicht nur in den Augen seiner Patienten in die unnahbaren Sphären eines Halbgottes entrückt. Mit seiner schauspielerischen Glanzleistung befindet sich Bargeld in bester Gesellschaft: Auch im Lager der verwirrten Patienten liefern sämtliche Darsteller ein Husarenstück an Selbstüberwindung, sind doch die Rollen alles andere als einfach gestrickt und die Charaktere reich an Widersprüchen. Störend bei dem Film wirkt indes die unendlich zähe Anlaufphase: Kaum zu ertragen sind die bizarren Selbsterfahrungsrituale, die der wahnsinnige Therapeut seinen treudoofen Schäflein verordnet. In lähmend trägen Kameraschwenks dümpelt das skurrile Heilgeschehen vor sich her, ohne irgendwelche Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Einschläfernd wirkt zunächst auch das Ambiente einer ländlichen Idylle, die sich erst später als groteske Kulisse eines mörderischen Geschehens erweist. Betrachter wie Patienten fiebern gleichermaßen entnervt einem dramatischen Ruck entgegen.

Umso schockartiger präsentiert Frosch dann die erstaunliche Wende: Fast glaubhaft entlädt sich die aufgestaute Wut über die therapeutisch verordneten Bloßstellungen in einem bestialischen Inferno, in der die zerrütteten Existenzen ihren Komplexen ohne Rücksicht auf Verluste freien Lauf lassen. Sein dramatisches Konzept garniert Frosch mit einem untypischen Handlungsverlauf: Verharrt er die erste Hälfte des Films in einer morbiden und künstlichen Art von Lethargie und beschränkt sich das krude Geschehen auf Dr. Romeros Praxis, so drängt der Wutausbruch der gedemütigten Psychotiker in der zweiten Hälfte fast zwangsläufig ins Freie. Die innere Befreiung findet ihre Entsprechung in der äußeren – nur ein Beleg für die zwar ungewöhnliche, aber ausgeklügelte und spannende Konzeption des Streifens. Dass sich die soeben Befreiten in einem grausigen Gemetzel selbst dezimieren, darf wohl als Warnung vor dem falschen Umgang mit der Freiheit verstanden werden, doch sind angesichts der zahlreichen persönlichen Dramen gesellschaftskritischen Interpretationen Tür und Tor geöffnet.

"Die totale Therapie" ist ein mit schonungsloser Härte inszenierter Psychothriller und ein schaler Abgesang auf eine Welt, die aus den Fugen geraten ist und krampfhaft nach dem verlorengegangenen Ideal einer Normalität sucht. Zweifellos: Ein Film der Extraklasse!




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