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Kritik: Haus Bellomont (2000)


Wie leicht hätte aus diesem Stoff einer jener faden Kostümschinken werden können, die das bildungsbürgerliche Publikum (ansonsten Kino: eher iggittiggitt) so schätzt, um Toleranz und Bemühen um kulturelle Vielfalt ausstellen zu können: Belle Epoque mit getragen aufgesagten Dialogen in edlem Interieur. Vor einigen Jahren ist ausgerechnet Martin Scorsese mit seiner Edith Whatson-Verfilmung „Zeit der Unschuld“ in diese Falle getappt. Der Engländer Terence Davies erliegt nicht der Versuchung, ein in Schönheit und Langeweile ertrinkendes Zeitgemälde aus der Romanvorlage der Geistesverwandten von Jane Austen zu machen. Mit „Haus Bellomont“ ist ihm eine fast schon zeitlose Parabel über das unerschöpfliche Maß an Bereitschaft zur Bigotterie der herrschenden Klasse gelungen.

New York zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts. Die schöne und nicht mehr blutjunge Lily Bart leidet innerhalb der gesellschaftlichen Kreise, die ihr bevorzugtes Aufenthaltsgebiet sind, unter einem unfeinen Makel: Sie hat zu wenig Geld. Eine entsprechend vorteilhafte Heirat ist dringend geboten. Aber da steht sie sich ein bisschen selbst im Weg, hat sie ihr Herz doch an den zwar weltgewandten, aber nicht allzu vermögenden Anwalt L. Seldon verschenkt.
Dennoch, Schönheit und Charme verhelfen ihr zu einer gewissen Duldung in der New Yorker Gesellschaft. Als ihr jedoch die Spielschulden über den Kopf wachsen, nimmt der tragische Gang der Dinge seinen unerbittlichen Lauf. Als sie sich an den Mann ihrer besten Freundin wendet, muss sie erfahren, dass dieser als Ausgleich für finanzielle Zuwendungen erotischen Beistand erwartet.
Auf der nächsten Stufe des gesellschaftlichen Abstiegs wartet eine mondäne Salondame, die um der Rettung ihrer Ehe willen, Lily der ehebrecherischen Beziehung zu ihrem Mann bezichtigt. Die feine Gesellschaft wendet sich von Lily als Störenfried ihrer Kreise ab.
Dabei hätte sie durchaus die Möglichkeit, dem endgültigen Unglück aus dem Weg zu gehen. Lily ist im Besitz von Liebesbriefen, die besagte Salondame einem Liebhaber geschrieben hat. Der ist nun aber ausgerechnet jener Anwalt, dem die zunehmend Verzweifelte selbst in Liebe zugetan ist. Das Dilemma scheint ausweglos, und Lily, aufgerieben zwischen Liebe und Verrat, trifft einen folgenschweren Entschluss.

Es ist gar nicht so leicht, hinter das Geheimnis dieses Films zu kommen, der, so wie er ist, prächtig funktioniert. Natürlich liegt es am souveränen Tonfall, den Terence Davies anschlägt und der die komplexe Gratwanderung zwischen Lächerlichkeit, Ironie und Tragik scheinbar spielerisch schafft. Als äußerst stimmig erweist sich auch der ruhige, fast kontemplative Erzählrhythmus des Films, der genaues Hinschauen und Zuhören nicht nur erleichtert, sondern geradezu erzwingt. Somit bleibt viel Zeit für einen langsamen, kaum merklichen Spannungsaufbau, der die fatalen psychosozialen Verstrickungen der tragischen Heldin dennoch stetig zuspitzt.

Die eigentliche Überraschung des Films ist aber seine Hauptdarstellerin. Dass Gillian Anderson über Leinwandpräsenz verfügt, war klar. Die Vielschichtigkeit, mit der der „Akte X“-Star hier aber noch die letzten Nuancen eines gebrochenen Charakters transparent macht, verblüfft dennoch und erfreut gleichermaßen. Kaum zu verstehen, dass eine dermaßen einmalige Leistung bei der letztjährigen Sichtung zur "Oscar"-Nominierungen übersehen wurde.





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