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Abschied - Brechts letzter Sommer
Abschied - Brechts letzter Sommer
© Kinowelt Filmverleih GmbH

Kritik: Abschied - Brechts letzter Sommer (2000)


Abschied vom geliebten Despoten
Die Wut liegt in der Stille – das ist das Stilmittel dieses Filmes schlechthin. Inmitten einer See-Idylle kämpft der altersschwache Literat Bertolt Brecht gegen die Fehler seiner Vergangenheit, die ihm in Form diverser Verflossener und Geliebter am Mittagstisch gegenübersitzen.

Ohne das dramatische Rückgrat von Action-Szenen versucht Regisseur Jan Schütte eine ganz persönliche Tragödie in Bilder zu fangen, was mit dem Konzept, die Handlung auf einen Tagesablauf zu beschränken, sicher besser gelingt als mit der ursprünglichen Absicht, Brechts Ende über die Breite mehrerer Wochen hinweg zu schildern. Abgesehen vom dramaturgischen Korsett eines Tagesablaufes kann Schütte sich auf die schauspielerische Leistung seiner Protagonisten stützen, allen voran Josef Bierbichler, der Brechts raubeinigen Weltschmerz kongenial in Szene setzt. Der mimischen Kraft aller Akteure verdankt der subtile Dialogfilm seine relative Verdaulichkeit; gleichwohl muss der Zuschauer zwischenzeitliche Längen im Geschehen in Kauf nehmen. Sehr schön und filigran gelingt es Schütte, Brechts Person als Nabel der Handlung (und vermeintlich auch der ganzen Welt) zu verankern, als Pol, um den seine Geliebten und Mätressen wie austauschbare Schablonen kreisen. Alle Figuren definieren sich lediglich in ihrem Bezug zu Brecht – das stille Erdulden oder das kleinlaute Aufbegehren gegen diesen unwürdigen Satellitenstatus treibt die Handlung dieses fein gestrickten Psycho-Dramas voran, Brechts herrisches Wesen kontrastiert spannend zu seiner poetischen Mission als Weltverbesserer und Mahner.

Eine Meisterleistung alleine ist es schon, die Kulisse des Geschehens auf Brechts sommerliches Ferienhaus am See zu reduzieren, ohne den Wunsch des Publikums auf Szenen- und Ortswechsel allzu sehr zu vernachlässigen. Entsprechend verteilt sich das vordergründig harmlose Urlaubsgeplänkel in wohltuendem Rhythmus auf Brechts Arbeitszimmer, den See oder den Speiseraum, wo die unterschiedlichen Charaktere immer wieder aufeinander prasseln, nur notdürftig durch das Charisma Brechts unterdrückt und zusammengeschweißt. Fast könnte man die eigentliche Geschichte in einer aufkeimenden Revolte von Brechts Gefolgschaft erkennen: Der siechende Hausherr hat zunehmend Mühe, seine auf ihn eingeschworene Gemeinde unter Kontrolle zu halten und eine Explosion ihm zuliebe erstickter Gefühle zu verhindern – ein spannender Prozess der Emanzipation, der es in sich hat. Freilich sind gewisse Vorkenntnisse über das Leben und Wirken Brechts für den Zuschauer von Vorteil, und trotz aller Fokussierung Schüttes auf subtile Konflikte und Psychogramme darf dieses Werk wohl klar als Intellektuellenfilm bezeichnet werden.





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