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Kritik: Tigerland (2000)


Joel Schumacher meldet sich zurück. Seine Rekrutengeschichte "Tigerland" ist zwar kein sonderlich innovativer, aber ein hervorragend umgesetzer und erschütternder Film geworden.

Nach seinen unzähligen und unerträglichen Big Budget-Flops in der Batman-Reihe scheint sich Joel Schumacher eine Radikalkur verschrieben zu haben. Mit "Tigerland" drehte der gute Handwerker einen Film mit Unbekannten in den Hauptrollen in nur ca. 4 Wochen ab und präsentiert plötzlich einen unerwartet erschütternden Film.

Was Schumacher mit "Tigerland" erzählt, ist eine Art Weiterentwicklung der ersten Stunde des Kubrick-Klassikers "Full Metal Jacket". Er knüpft mit dem aufmüpfigen Roland Bozz (Colin Farrell) direkt an Private Joker an, erweitert das an sich schon erschütternde Szenario aber noch durch eine erstaunliche und sehr gut funktionierende Zurückhaltung, wenn es um die Message geht, und eine harte, dem Dogma-Prinzip ähnliche Ästhetik.

Schumachers Kamera bleibt eigentlich immer zurückhaltend im Hintergrund. "Tigerland" ist fast vollständig mit Handkamera gedreht, arbeitet mit sehr harten Kontrasten, die zumeist auch durch einen Filter noch verstärkt werden. Dazu kommt noch die Körnigkeit, die das 16mm-Filmmaterial erzeugt. Anders als die Kollegen der avantgardistischen Dogma95-Fraktion weiß Schumacher aber, wann er Stilmittel zu verwenden hat. Der seltene, aber äußerst effektive Musikeinsatz ist ein Beweis dafür. "Tigerland" ist das typische Produkt eines erfahrenen Regisseurs und Handwerkers, der einfach weiß, wie und wann er welche Mittel einzusetzen hat. Zusammen mit den frischen Gesichtern vor der Kamera erzeugt er so eine unverbrauchte und sehr "authentische" Atmosphäre, die durch die Handlung noch verstärkt wird.

"Tigerland" hat ein perfide Geschichte, die fast schon zu fein auf die Gefahr beim Militär anspielt, sein Ich zu verlieren. Besonders deutlich wird dies bei der Hauptfigur, Roland Bozz. Er müpft auf, wo es nur geht, kämpft gegen das System an, um nicht nach Vietnam, sondern "nur" in den Bau geschickt zu werden. Das Ausbildungssystem macht daraus aber eine Stärke und fördert seine aufsässige Art und Weise sogar, um ihn zum Anführer zu machen. Mir persönlich gefiel dabei besonders, dass der Film einfach nur die Geschichte erzählt. Er bleibt scheinbar kommentarlos und erkennt den Zuschauer als mitdenkendes Wesen an. Hierin ist er sogar dem Kubrik-Werk überlegen, ebenso wie in der weitaus abstoßenderen Ästhetik, die so etwas wie Coolness im Geschehen vollkommen ausschließt.

Mir hat "Tigerland" nicht als innovatives Meisterwerk gefallen, sondern als eine konsequente Weiterentwicklung von Themen und technischen Mitteln der letzten Jahre. Die Story hat es schon gegeben, genauso wie die Art der Kamera und des Tons. Schumacher geht aber hin und stellt diese konsequent in den Dienst einer Erzählung. Was am Ende von "Tigerland" übrig bleibt, ist eine Geschichte, eine bekannte Geschichte, die aber als intensives Erlebnis festgebrannt ist. Dieser Film ist ein Beweis dafür, wie wichtig neben dem künstlerischen Aspekt beim Filmemachen noch immer eines ist: Das Handwerk. Schumacher beherrscht es, manch anderer (gefeierter) Künstler nicht.





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