VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Pornostar (1998)


--Japanisch für Frust und Gewalt--

Wenn man sich "Pornostar” ansieht, so möchte man vielleicht nicht verstehen, was da eigentlich auf der Leinwand zu sehen ist. Und geben wir es auch zu: Es ist schon ziemlich schwer, einen vollkommen fremdartigen Film zu schauen, wenn wir uns vorher nicht an eine etwas andere Art des Filmemachens gewöhnen konnten.

In einer Zeit, in der Charaktere entweder komplexer Natur sein müssen (was dann auch altmodisch wirken kann) oder einen Topf aus Klischees darstellen (was dann sehr postmodern und hipp wirkt) fällt das japanische Independent-Kino ziemlich heraus. In Filmen wie "Pornostar” wirken die Figuren ziemlich platt, man sucht nach einem Plot, der erzählt wird, meist aber vergebens. So auch in "Pornostar”,
der einer der wenigen Filme ist, die zu uns in deutsche Kinos vordringen.

"Pornostar” ist das Erstlingswerk von Toshiaki Toyoda, der zuvor als
Musikclip-Regisseur in Japan viel Aufsehen erregte. Dementsprechend wirkt der Film in seiner Ästhetik klar durchdacht, teilweise auch nur auf entsprechende Pracht hin inszeniert. Er korrespondiert grandios mit der Musik, zusammen ergeben sich Kompositionen, die reizvoll sind, dabei aber nie das kino-spezifische Etwas vermissen lassen, was Videoclip-Macher, wie Michael Bay (Armageddon, The Rock), immer wieder zu vergessen scheinen. Wenn gleich zu Anfang die Menschenmassen Tokyos an der Kamera in Zeitlupe vorbeimarschieren,
während diese mit lauten Gitarren-Riffs an die in einen unkleidsamen
Regenanorak gehüllte Hauptfigur heranzoomt, dann ist dies zugleich
faszinierend und auch spannend. Doch eines gilt es zu beachten: Wenn man jetzt eine tiefere Zeichnung dieser Hauptfigur erwartet, so schlägt dies fehl.

Was "Pornostar” so unglaublich gut und interessant präsentiert, das ist die Gewalt in ihrer äußersten Radikalität. Der Hauptprotagonist, welcher kaum spricht und auch sonst kaum Emotionen zeigt, ist eine klar an Robert DeNiros Travis Bickle in "Taxi Driver” angelehnte Gestalt, doch da wo Martin Scorcese damals mit dem Spiel um einen vollkommen assozialen Racheengel aufhört und schlußendlich auch moralische Untertöne anzubringen versucht, da geht Toyoda radikal weiter. Sein Film zeigt die schönen, wohlkomponierten Bilder, die den
angesagtesten Stadtteil Tokyos ausmachen, nur um auch im selben stilisierten Hardrock-Operngemälde die Gewalt tanzen zu lassen.

Was uns Toyoda präsentiert, ist eine vollkommen amoralische Welt, die allenfalls versucht, so etwas wie einen ehrenvollen Anstrich irgendwelcher obskurer Kodex-Haltungen zu bewahren. Um die berüchtigten Banden der Yakuza herum hat sich längst ein wahrer Gürtel an Hass und Gewalt gebildet. So schlägt auch der Racheakt des Hauptprotagonisten ins Nichts. Er setzt bei den Oberen der Yakuza an, wobei er vergisst, dass die komplette Welt um ihn herum schon zu
dieser Gewalt hinzugehören. Die Kids auf der Straße, zu denen er eigentlich auch gehört haben sollte, vergöttern die Gangleader und streben danach, ebenso wie diese zu sein.

"Pornostar” ist ein sehr pessimistischer Film, der selbst vollkommen emotionslos verharrt. Er sympathisiert nicht mit seiner Hauptfigur, ebensowenig mit der Yakuza. Toyoda bringt den Zuschauer an Grenzen, die vor allem hier in Europa für Missverständnisse sorgen können. Denn der Moment des Sterbens wird auf eine für unsere Augen schier unerträgliche Art und Weise zelebriert. So sticht die Brutalität mancher Szenen für uns doppelt so hart hervor. Manche Momente der Gewalt werden zu Minuten gestreckt, häufig bleibt die Kamera auch
noch nach nach den eigentlichen Gewalterruptionen dabei und observiert
den blutigen Handlungsort weiter. Für viele wird "Pornostar” auch genau da stehen bleiben. Dennoch geht dann so manche Nuance verloren. "Pornostar” wirkt wie ein klug gegeneinander ausbalanciertes Laborexperiment ohne dabei aber
künstlich zu sein. Jede Figur ist mehrfach deutbar, keine aber irgendwo
wirklich charakterisiert. Statt tiefe Charakterzeichnungen zu bemühen,
entrinnt Toyoda den Klischees, indem er seine Figuren vollkommen offen
gestaltet. Indem er fern bleibt, mit seiner Kamera allenfalls
beobachtet, entkommt er der Notwendigkeit, eine wirkliche Geschichte
zu erzählen. Denn bei einer Nacherzählung des Films würde man schnell
in Verlegenheit kommen, immerhin handelt "Pronostar” eigentlich von
gar nichts. Er ist eher eine Momentaufnahme, wie Toyoda die Gewalt in
Tokyo sieht. Durch die Brille der MTV-gestählten Coolness zeigt sich da
eine Sackgasse, aus der es kein Entrinnen mehr geben wird. Wir dürfen
die Gewalt genießen, bis wir sie als das Schreckliche wiedererkennen,
was sie eigentlich ist.

"Pornostar” ist ein tiefsinniger Film, der hier in Deutschland aber auch
sehr geteilt aufgenommen werden dürfte. Dies liegt einfach daran, dass
wir häufig an Stellen nach dem Sinn suchen, die für den Japaner Toyoda
vollkommen uninteressant sind. Ich denke, viele werden das Ganze auch
einfach als (plumpe) Medien-Kritik missverstehen, weil Toyoda eben seine Welt mit den Mitteln des Musikclips äußerst attraktiv in Szene setzt. Dennoch -so meine jedenfalls ich- ist dies viel zu westlich gedacht. Die Suche nach den Gründen, nach dem Warum, sie bleibt für nach dem Kinobesuch aufgespart.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.