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Kritik: Havanna Mi Amor (2000)


Ein weiterer Film über Kuba? Einer, der sich aus purem kommerziellen Kalkül an den großen Erfolg von "Buena Vista Social Club" heranhängen möchte? Mitnichten! Im Gegensatz zum feschen Wim kann Regisseur Uli Gaulke geradezu als Kubaexperte bezeichnet werden. Hatte er sich doch schon lange vor Wenders Dokumentationsversuch mit der faszinierenden Insel beschäftigt, was man dem Film auch deutlich anmerkt. Während Wim Wenders nur einen oberflächlichen, jegliche Zusammenhänge und Hintergründe vernachlässigenden Spaßfilm für menschliche Kleiderständer machte, bekommt man bei "Havanna, mi amor" auf teils witzige, teils anrührende Weise interessante Einblicke in das Leben der Bewohner Havannas.

In einem Land mit totalitärem Regime, wo es nur zwei Fernsehprogramme gibt, und das eine ausschließlich dazu dient, politische Sendungen zu verbreiten, erhält natürlich das andere größte Aufmerksamkeit. Deshalb sitzen die meisten Kubaner Havannas allabendlich vor ihren Geräten, um die Telenovela zu gucken, welche sich nach langer Zeit wieder mit dem Leben im heutigen Havanna beschäftigt. Besondere Bedeutung erhält dabei in Gaulkes Film, wie in jeder Dokumentation, die Montage. Intelligent verbindet er Spielszenen der Serie mit Ausschnitten aus dem Leben von sieben Hauptstädtern, wobei die Themen sehr ähnlich gelagert sind. Liebe, Eifersucht, kleine und große Intrigen, Kampf um Gerechtigkeit, Suche nach dem großen Glück; all’ dieses ist sowohl in der Telenovela wie in der Realität sehr wichtig. Gaulke setzt die klischeeüberladenen, vor Rührseligkeit nur so triefenden und für jedes Problem eine Lösung anbietenden Bilder aus dem Fernsehgerät mit den persönlichen Dramen von Gladys, Silai, Felix, Juana, Marino, Vilma und José in Beziehung. Dadurch entlarvt er das TV-Programm als abgeschmackte Light-Version der spannenden, tatsächlichen Geschichten in Kubas Hauptstadt. Die ohnehin schon für unsere Augen vorhandene Lächerlichkeit wird offensichtlich und der Blick auf die Hauptdarsteller geschärft, gesellschaftliche Zusammenhänge deutlich. Dabei vermeidet es der Film, sich über die Menschen lustig zu machen. Es entsteht vielmehr das sensible Portrait eines Gemeinwesens, in dem Realitätsflucht zum Massenphänomen geworden ist. Und unwillkürlich stellt man sich die Frage wie weit Deutschland mit seinen Daily Soaps und Talkshows davon eigentlich entfernt ist. Aber das ist eine andere Frage.

In Abgrenzung zur Fiktion verleiht Gaulke den Schicksalen größere Tiefe. Es ist ihm gelungen durch die tatkräftige Hilfe und Geschicklichkeit der Interviewführung auch intime Details herauszukitzeln, die ein mikroskopisch kleines und facettenreiches Abbild der Lebenswelt nachzeichnen. Zu den Stärken des Films gehört es, dass diese keine trockene Nüchternheit ausstrahlt, sondern mit viel Witz und Anteilnahme beleuchtet wird. Da gibt es zum Beispiel Marino, der alle seine Probleme mit Sex angeht, um sich zu entspannen oder Gladys, die vergeblich versucht, einen Job zu finden.

"Havanna, mi amor" ist ein ausgezeichneter Dokumentarfilm über die kleinen und großen Tragödien sowie das Glück der Bewohner Havannas. Statt oberflächlicher Schaumschlägerei à la "Buena Vista Social Club" bekommt der Zuschauer einen vielschichtigen Einblick in das Leben Kubas Hauptstädter. Und bevor ich es vergesse, auch in diesem Film ist die unterlegte Musik vom Feinsten.




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