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Kritik: No one sleeps (2000)


Politthriller, Schwulenfilm und das lockere Handkamera-Design nach Machart alternativer Independents gehen in diesem Werk eine neue Ehe ein. Sie muss als gelungen bezeichnet werden, was nicht zuletzt der dezenten und stilvollen Darbietung von Tom Wlaschiha zu verdanken ist, der als Deutscher in der Schwulenszene von San Francisco durch einen überzeugend unamerikanischen Habitus das Image eines Fremdlings und Eindringlings passend umsetzen kann. Nicht nur der Kontrast von Dresdner Hauptfigur und schrillen Schwulen-Events geben dem Film einen unverwechselbaren Charme, sondern auch die durch und durch triste Kulisse, gepaart mit bizarren Charakteren. Alleine die Enthüllungsstory – Student fahndet nach geheimen Staatsakten – würde für genügend Stoff sorgen, doch erst die Kombination mit dem Schwulenmilieu und die technische Ausstaffierung dieses Mix mit einer ständig bebenden Handkamera machen diesen Film zu einem besonderen Genuss, nicht zu vergessen das wiederkehrende Motiv der Oper Turandot, die als nahezu einzige musikalische Untermalung für einen skurrilen Beigeschmack sorgt.
Alle Achtung gebührt der Regie, die es verstand, mit einem mickrigen Budget und unter allgemein widrigen Produktionsbedingungen, die ihr zu Gebote stehenden einfachen Mitteln dramaturgisch optimal einzusetzen. Der lockere Kamera-Look verleiht dem Film einen dokumentarähnlichen Charakter, was die Spannung im großen und ganzen aufrechterhält. Obwohl im Handlungsaufbau eher konventionell gehalten, sorgt dieses kleine Epos abgesehen von guten Milieustudien auch für ein Stück schwuler Normalität: Toms Recherchen und die von ihm verfolgte HIV-Theorie der DDR stehen bei der Story klar im Vordergrund, weshalb die fast durchgehend homosexuelle Kulisse unterschwellig als filmische Normalität in das Bewusstsein des Zuschauers einsickert – kurzum: Ein gelungener wie seltener Cocktail aus Spannung und Gesellschaftskritik.

Titus Beile


Bisweilen etwas holprig wird der Zuschauer in die Schwulenszene San Franciscos eingeführt und steht schnell vor einem Rätsel. Für was soll er sich entscheiden: Für den Kriminalfall um einen Serienmörder, für die Verschwörungstheorie um die Herkunft des HIV-Virus oder für die Liebesgeschichte zwischen Stefan und Jeffrey? Hier wurde zuviel auf einmal gewollt, mit dem Ergebnis, dass selbst die Milieu-Studie nur selten überzeugend ist. Die Handlung des Krimis ist nicht spannend, die AIDS-Theorie unklar und die Liebesgeschichte überflüssig. Einzig die Kommissarin bringt von Zeit zu Zeit etwas Licht in das Dunkel, wobei der Versuch, sie als eine Art weiblichen Philip Marlowe (oder einen anderen beliebigen wortgewandten Detektiv der Film Noirs) zu installieren, allerdings auch misslingt.
Nichts gegen die Verwendung eines Musikstücks als Hinweis oder Spur im Krimi (nun, es gab wirklich schon einfallsreichere Ideen), aber bitte nicht so dilletantisch offensichtlich wie hier. Aus der Musik von Puccinis "Turandot" um jeden Preis noch ein Motiv basteln zu wollen, das passt eher in die Goldene Zeit des Kriminalromans um 1940.
Jochen Hick hätte am Besten getan, hätte er sich ganz auf die interessante Theorie um die Entstehung des HIV-Virus konzentriert.

"No one sleeps" war offizieller Beitrag der 50. Internationalen Filmfestspiele Berlin.





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