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Kritik: Heaven (2002)


Mit „Heaven“ gibt Tom Tykwer sein internationales Leinwanddebut – und das Wort international sollte man unterstreichen: Finanziert von deutschen, französischen und amerikanischen Produzenten, von einem Deutschen inszeniert, der damit das Drehbuch eines Polen verfilmt, mit australischen und amerikanischen Hauptdarstellern in Italien gedreht.

Auch neu ist für Tykwer, dass er mit seinem fünften Werk erstmals nicht sein eigenes Buch realisiert hat. „Heaven“ wurde von Krzysztof Kieslowski und Krzysztof Piesiewicz Mitte der Neunziger geschrieben und war als Auftakt einer Trilogie gedacht, die „Heaven, Hell und Purgatory“ heißen sollte, ähnlich der „Drei Farben“-Trilogie, die Kieslowski bis dahin gedreht hatte. Doch Kieslowskis Tod verhinderte die Realisierung. Bis Tykwer von Produzent Anthony Minghella auf den Stoff aufmerksam gemacht wurde und ihn sich zu Eigen machte.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen – im wahrsten Sinne des Wortes: Tykwer und sein Kameramann Frank Griebe schaffen betörend schöne Bilder, lassen die Kamera über toskanische Landschaften schwelgen und um Figuren kreisen. Immer wieder gibt es Aufnahmen aus der Vogelperspektive, als wäre der Filmtitel auch Programm und man blicke mit dem Film-Gott auf die Figuren und ihr Schicksal. Bereits der Beginn mit der Flugsimulation im Computer ist ein außerordentliches Erlebnis für die Augen und Sinne und grandioser Auftakt, der im Laufe des Films noch übertroffen wird, was die schiere Schönheit der Bilder angeht.

Ebenso außerordentlich sind die Leistungen der Hauptdarsteller Cate Blanchett und Giovanni Ribisi, die eine zärtliche Romanze zweier eigentlich fremder Menschen glaubhaft verkörpern. Als Philippa von dem von ihr unbeabsichtigten Tod von vier Menschen erfährt und zusammenbricht, stellt Miss Blanchett dies mit einer Schauspielkunst dar, wie man sie lange nicht gesehen hat. Obwohl ihre Tat verabscheuungswürdig ist und ihre Racheaktion an dem Drogenhändler moralisch zweifelhaft, gelingt es der Schauspielerin, die Sympathien für sich zu gewinnen und nicht nur den Carabinieri Filippo zu fesseln.

Während die erste Hälfte des Films auf einer Spannungsebene überzeugt und Tykwer Stärke darin beweist, zügig, schmucklos und dennoch intensiv zu erzählen, konzentriert sich der zweite Teil des Films auf den Gefühlsaspekt, auf das Erlöstwerden durch Liebe, was der Regisseur in einem unglaublich hinreißenden Schluss in ein packendes Bild fasst. Tatsächlich ist der Film nicht religiös, sondern unverblümt optimistisch, was die Fähigkeit von Menschen angeht, sich einander durch Liebe über die Dinge zu erheben und die materielle Welt bedeutungslos erscheinen zu lassen. Tykwers Eigencharakterisierung als „spiritueller Atheist“ hätte er nicht treffender als mit diesem Film belegen können.

Doch bei aller Bildgewalt kommt man nicht umhin zu bemerken, dass der mit etwa 90 Minuten schon nicht besonders lange Streifen bereits 20 Minuten früher hätte enden könnte, ohne dass sich an seiner Aussage fundamental etwas verändert hätte. Sicher wäre man um tolle Bilder beraubt worden, aber handlungsmäßig hat der Film nicht viel hinzuzufügen, auch den Charakteren kommt man nicht näher. Insofern ist der Film nicht langweilig, aber je länger „Heaven" dauert, um so mehr scheint sich der Regisseur an seiner ja zugegebenermaßen phantastischen Bildgewalt zu berauschen, ohne noch allzu viel erzählen zu können.

Nichtsdestotrotz ist „Heaven“ ein sehenswertes Drama, eine gelungene Mischung aus einer profanen Thrillerhandlung, die durch eine teilweise seltsam traumgleiche Atmosphäre zu etwas Besonderem und dem Erzähler Eigenen wird. Mit Tykwer wird nicht als Künstler zu rechnen sein – er ist es schon längst und unterstreicht das mit diesem Film nachdrücklich.





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