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27 Missing Kisses - Hauptplakat
27 Missing Kisses - Hauptplakat
© Kinowelt Filmverleih GmbH

Kritik: 27 Missing Kisses (2000)


Es dauert nicht lange, da beschleicht einen ein keineswegs unwohliges Déja vu angesichts dieses Films. Und wo dies herrührt ist auch schnell ausgemacht. Man wird angenehm erinnert an "Luna Papa", eine der positiven Filmüberraschungen des vergangenen Jahres. Wie dieser spielt auch "27 Missing Kisses" irgendwo in einem Land der vormaligen Sowjetunion. Die Landschaft ist von bizarrer Schönheit, die Figuren sind verschroben-skurril, und die Geschichten und Geschichtchen von absurder Komik. Vor allem letzteres liegt am Drehbuchautor und der heißt Irakli Kvirikadze und war auch für das Buch von "Luna Papa" verantwortlich. Zur Geschichte: Ein in den letzten Zügen liegender Personenbus übersteht den versehentlichen Mörserangriff eines übermotivierten Soldatentrupps um Haaresbreite und hält in einem idyllischen Bergstädtchen. Heraus steigt die 14jährige Sybilla, ein wildes, reichlich frühreifes Mädchen, das hier den Urlaub bei ihrer Tante Martha verbringen will. Die Zeit scheint in dem Ort stehen geblieben zu sein. Die bunte Schönheit und der einladende Charme der Gegend haben der Trostlosigkeit des sowjetischen Sozialismus-Versuchs standgehalten. Mit der Ruhe ist es allerdings vorerst vorbei. Die kleine Sybilla bringt das beschauliche Paradies gehörig aus dem gewohnten Rhythmus. Vor allem das Blut der Männer gerät in Wallung. Mickey, ein pubertierender Dorfjunge, ist der erste, der sich unsterblich in Sybilla verliebt. Die Angebetete zeigt sich jedoch eher von dessen Vater, immerhin jenseits der 40, angetan. In Zuge dieser erotischen Verwicklung scheint alsbald der ganze Ort auf Freiersfüßen zu wandeln. Dabei werden alte Bande und jahrelange Ehen gründlichen Ernsthaftigkeitsprüfungen unterzogen. Keineswegs alle bestehen.
Aber auch andere seltsame Dinge geschehen. Im Kasino der alten Munitionsfabrik läuft plötzlich ein Erotikfilm, sozusagen vor ausverkauftem Haus, während der Wächter desselben seine Männlichkeit unter einer tonnenschweren Stahlpresse zurechtstutzt.
Derweil nimmt ein Leutnant der Armee, wegen der dauerhaften Untreue seiner Frau, zunehmend umnachtet, die Stadt unter Dauerbeschuss, gottlob bei Zuhilfenahme von viel zu viel Zielwasser. Am Ende spitzt sich die allgemeine Unübersichtlichkeit dermaßen zu, dass niemandem weiter auffüllt, dass ein riesiger Kahn, ohne einen Tropfen Wasser unter dem Kiel, Einzug in die Stadt hält. Der todtraurige Kapitän sucht verzweifelt das Meer.
Hiermit ist erst ein Bruchteil der Episoden erwähnt, die den Film strukturieren. Zuweilen droht er ein wenig in diese Einzelteile zu zerfallen und den erzählerischen Faden zu verlieren. Aber derlei Schwächen werden mühelos aufgefangen von dem herrlichen Kuriositätenkabinett, das sich im Verlauf der exotischen Geschichten in immer absurdere Höhen schwingt. Die Regie bleibt bei alledem angenehm zurückgenommen und ordnet sich dem fellinesken Bilderbogen in traumhaft schöner Landschaft unter. Somit ist "27 Missing Kisses" nicht unbedingt ein Film der lange haften bleibt, aber einer der 90 Minuten prima unterhält.





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