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Kritik: Der Brief des Kosmonauten (2002)


Warum wird in den Institutionen der Kulturförderung nicht wenigstens das Drehbuch gelesen, bevor man einem Film Förderung zuspricht? Jedenfalls lässt "Der Brief des Kosmonauten" nur den Schluss zu, dass hier entweder aufgrund persönlicher Freundschaften deutsche Steuergelder verschwendet wurden, oder aber das Entscheidungsträgerpersonal kollektiv versagt hat. Für die Situation Russlanddeutscher erzeugt der Film jedenfalls genauso viel Verständnis, wie ein brennendes Waisenhaus lustig ist.

Bereits zu Beginn präsentiert uns Vladimir Torbica mit dem Vater des später zur Hauptfigur avancierenden Jungen einen Spätaussiedler, für dessen Nationalstolz ihn jeder Neonazi beneiden würde. Ohne weitere Thematisierung bekommen wir als Zuschauer den wenig ausgeformten Holzschnitt eines radikalen unangenehmen Menschen, der seinen Sohn mit überzogener Gottesfurcht tyrannisiert, während die Mutter zwar dagegen ist, aber einfach keinen Ton herausbekommt. Warum schneidet Torbica das Thema der Identitätsfindung beim Vater über dessen Deutschlandhörigkeit so problematisch an, wenn es im weiteren Verlauf doch keine Rolle spielen soll?

Mit einer gehörigen Portion Hass auf diese Figur sieht man sich nun den Rest des Films an, um immer weiter von Torbica für dumm verkauft zu werden. Da zeigt er uns eine Szene, in welcher der Junge zwei Russlanddeutsche vor der Entdeckung bewahrt, die ihn zuvor in einer aufgebrochenen Gartenlaube festgehalten und gefesselt haben. Um die schwere Nachvollziehbarkeit der Handlung nicht mit einer wenig glaubwürdigen Erklärung zu belasten, liefert Torbica überhaupt keine. Ein feiner Trick ist das, aber von solchen dramaturgischen Finessen sollte man sich nicht beeindrucken lassen, schließlich langt unser lieber Vladimir gleich in die nächste Kiste seines Handwerks. Daraus holt er eine Technik hervor, welche dafür sorgt, dass dramaturgischer Text und Stimmung einer Szene weit auseinander klaffen. Denn an die beschriebene Szene schließt sich direkt das Verweilen der drei neuen Freunde auf einer Parkbank an. Vor ihnen steht eine poetisch drapierte Plastiktüte. Und wie feiert man eine völlig unverständliche neue Freundschaft am besten? Ganz richtig man holt eine Mundharmonika hervor und spielt den Blues. Denn alles, auch die größte Freundschaft hat einmal ein Ende. Und weil nicht nur der Drehbuchautor, sondern offensichtlich auch die Figuren bereits die noch folgenden melancholischen Ereignisse kennen, ist schon einmal Zeit, in Traurigkeit zu versinken.

Das hat Deutschland gefehlt. Mit Vladimir Torbica hat es endlich einen neuen Guru bekommen, der sich um die Sinnfälligkeit seiner filmischen Entwürfe keine Gedanken macht. Ein radikaler Erneuerer, der alles das, was sich im Kino bewährt hat über Bord wirft. Vladimir ist ein Glücksgriff, ein Mensch, der über die eigenen künstlerischen Ambitionen noch lachen kann. Davon brauchen wir mehr. Aber vielleicht ist "Der Brief des Kosmonauten" auch nur ein abgestandener Vodka-Traum. Wir wollen es nicht hoffen.






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