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O - Julia Stiles, Mekhi Phifer und Andrew Keegan
O - Julia Stiles, Mekhi Phifer und Andrew Keegan
© Concorde

Kritik: O (1999)


Das Genius von William Shakespeare wird deutlich, wenn es möglich ist, ein Stück, das 1603 geschrieben wurde, 396 Jahre später als einen US-Teen-Film adaptieren zu können und die Geschichte noch immer Relevanz und Kraft besitzt, kein bisschen verstaubt wirkt. Tim Blake Nelson, hier zu Lande hauptsächlich als der dritte des Sträflingstrios neben George Clooney und John Turturro in "O Brother, Where Art Thou?" bekannt, hat 1999 die Handlung von "Othello" aus dem Militär in Venedig in eine US-High School der Gegenwart verlegt. Im Gegensatz zu der letzten "Hamlet"-Adaption von Michael Almereyda, die das Geschehen auch in die Jetztzeit transferierte, hat Drehbuchautor Brad Kaaya die Originalverse fallen lassen, sich aber ansonsten nahe am Inhalt des Stücks orientiert. Shakespeare derart zu modernisieren, kann Fluch und Segen zugleich sein, und das zeigt auch "O". Zum einen kann eine solche Adaption einem Theaterstück neues Leben einhauchen und den Blickwinkel darauf aus Ecken richten, die neue, interessante Perspektiven eröffnen. Andererseits kann es aber auch zu Banalisierungen und Verwässerungen kommen und eine Kluft zwischen dem dramatischen Geschehen auf der Leinwand und der Betroffenheit der Zuschauer aufreißen. Bei "O" funktioniert der Transfer bezüglich der äußeren Handlung hervorragend reibungslos. Statt im Schauplatz des Militärs spielen sich die Ränkeschmiede und ihre tragischen Folgen in Blakes Version in einer Basketballmannschaft ab, und die Details des Stücks sind geschickt in moderne Formen umgesetzt worden. Wo es dann aber hakt, ist die Figurenzeichnung - besonders von Odin-Othello. Da ein Theaterstück aus fünf Akten auf 90 Minuten eingekocht wurde, erhöht sich das Tempo, so dass sich Odin so schnell in seine Eifersucht reinsteigert, dass es für einen zunächst so positiv geschilderten Menschen allzu forciert scheint. Auch wirkt das Motiv des Hasses seines intriganten Gegenspielers Hugo-Iago nicht ganz überzeugend, die verschmähte Vaterliebe mag ein Aspekt sein, alleine wirkt sie nachgerade rührend. Blake umschifft mit seinem Werk diese Klippen aber recht sicher durch seine große Ernsthaftigkeit. Hier gibt es keine Komik oder Plattheit der jüngsten US-Teen-Klamotten der Erheiterung und Auflockerung willen, sondern die Handlung wird konzentriert vorangetrieben. Dabei gelingen dem Regisseur sehr schöne Szenen wie zum Beispiel das Nicht-Gespräch zwischen Hugo und seinem Vater, das ohne viele Worte rein durch die Inszenierung die Verlorenheit des hasserfüllten Hugo für einen Moment deutlich macht. Auch das Finale, welches mit der Musik aus der Oper "Othello" unterlegt ist, ist ein kraftvolles Stück Kino, zumal es Blake auch hier schafft, eine auf dem Dialog beruhende Quelle in eine cineastische Sprache zu überführen. Das Jungschauspieltrio Julia Stiles als Dede-Desdemona, Mekhi Phifer als Odin und Josh Hartnett als Hugo liefert kompetente Leistungen ab und wird durch Martin Sheen in der Rolle von Hugos Vater, dem Basketballcoach, unterstützt. "O" ist eine gelungene Shakespeare-Variation, ein Drama, das teilweise kraftvolle Szenen erreicht, manch anderes Mal die innere Anspannung der Figuren aber nicht in eine Spielfilmspannung umzusetzen vermag, dabei aber stets gut und auf angenehm hohen Niveau unterhält. Dass der Film wegen der diversen Schulmassaker in den Vereinigten Staaten auf Halde lag, bevor er in die Kinos kam, ist absurd und eher der amerikanischen Doppelmoral anzulasten als einer Gewaltverherrlichung oder -banalisierung in der Lions Gate Films-Produktion.





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