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Im toten Winkel - Hitlers Sekretärin
Im toten Winkel - Hitlers Sekretärin
© absolut MEDIEN

Kritik: Im toten Winkel - Hitlers Sekretärin (2001)


Eine attraktive 81jährige Frau mit klarem Gesicht und Lippenstift sitzt in ihrem modernen Schwabinger Zimmer und erzählt die Geschichte des 20. Jahrhunderts, ihre eigene Geschichte. Da kommt plötzlich Mussolini zu Besuch. Familie Göbbels zieht in den Führerbunker...
Seltsam, wenn jemand über Hitler wie über einen normalen Menschen, einen guten Bekannten, einen Chef spricht - persönliche Macken, Anekdoten von Blondie, der wunderbaren Schäferhündin und Magen-und-Darm-Beschwerden.
Als Traudl Junge, einst Hitlers Sekretärin, sich die ersten Interviewaufnahmen ansieht, erscheint es ihr selbst so "banal". Ihr Gesichtsausdruck ist dabei ungeheuer bewegt; viel mehr, als beim Erzählen. "Ich habe das Gefühl, dass ich diesem jungen Ding böse sein muß." Das junge Ding hätte gern das Gymnasium abgeschlossen und lieber getanzt, als getippt. Aber ein ohne Ehrgeiz gewonnener Schreibmaschinenwettbewerb wurde Traudls Ticket für den Führersonderzug nach Ostpreußen, wo sie sich dem väterlichen Arbeitgeber vorstellte und genommen wurde. Ein alberner Patzer beim Vorstellungsgespräch ärgert sie noch heute. So begann ihr Leben im Zentrum des Sturms, "statt an der Quelle der Information im toten Winkel."
Davon erzählt Traudl Junge klar und eindringlich, läßt sich in Erinnerungen gehen, unterbricht sich nur für einen Zug an der Zigarette. Ihr Gesicht füllt die Leinwand, nur wenige Male hört man den Fragenden; keine Einblendungen von alten Bildern, Filmmaterial oder Zeitzeugen stören ihre eigene Geschichte. Sie kommentiert wenig; sie kritisiert ihr junges Ich und ist ansonsten sehr vosichtig mit persönlichen Einschätzungen. Nur einmal hatte sie "innerlich gezuckt", als Hitler sich selbst als Genie bezeichnete. Erst viel später wurde Traudl Junge die eigene Vergangenheit wirklich bewußt: Sie sah ein Denkmal von Sophie Scholl- einer Altersgenossin, die mehr als sie wußte, ohne so nah dran gewesen zu sein.
Im Inneren des Kreises war Traudl Junge, damals noch Fräulein Humps, "abgeschirmt von den größenwahnsinnigen Projekten." Er diktierte ihr öffentliche Reden und private Briefe, niemals Politisches oder Militärisches. Am Schluß führte sie ein Schattendasein: Von der Welt abgeschnitten im Führerbunker. Sie blieb, als Hitler sie fortschickte- und weiß nicht mehr genau, warum. Ihre abgeschlossene kleine Welt wurde immer bizarrer: Eva bittet ihn - falls sie den Krieg gewinnen würden - um eine Gartenstatue, die ihr bei einem kurzen Ausflug aus dem Loch in einen Park gefiel. Er ist nicht sicher, ob das möglich wäre- ist schließlich Staatseigentum. Aber wenn sie denn Rußland besiegen würden... Gespräche über Selbstmordmethoden. Die frisch getraute Eva Hitler feiert mit Sekt, während Traudl zum Abtippen der Testamente beordert wird: ein Politisches und ein Privates. In diesem Moment hofft sie, endlich alles zu erfahren. Und, dass er sich für sein Tun entschuldigt. Aber es kommen nur "alte Phrasen", "Widersinniges". Schließlich hasste die junge Traudl ihn. Weil er abgehauen war und alle in der Falle allein zurückgelassen hatte.
Traudl Junge hinterläßt uns eine verstörende und faszinierende Lebenserinnerung, die sich jeder ansehen muß.





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