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Kritik: Starbuck Holger Meins (2001)


Nach "Black Box BRD" und "Do It" ein weitereres Dokument der radikalen Gruppen der 70er: "Starbuck Holger Meins". Der Decknahme ist dem Steuermann der Moby Dick entliehen. Doch war er wirklich "der Steuermann" der Baader-Meinhof-Gruppe? Zunächst war er Leiter einer Jugendgruppe der christlichen Pfadfinder. Das erzählt er uns selbst, mit Robert de Niros Stimme (Christian Brückner) - dies ist die einzige geschmackliche Entgleisung in Richtung Mythisierung. Meistens erzählen aber andere von ihm; seine damaligen Freundinnen, Freunde und vor allem Kommilitonen, zu denen auch der Regisseur gehörte.

Meins studierte Film in Berlin, u.a. mit Wolfgang Petersen und Harun Farocki. Michael Ballhaus und Peter Lilienthal waren Dozenten. Meins bekannteste filmische Arbeit dürfte "Herstellung eines Molotow-Cocktails" sein. Aber es wird auch anderes gezeigt: Heimlich aufgenommenes Filmmaterial über Lehrlinge bei Hoechst, die damals psychologischen Tests unterzogen wurden, um ihr Widerstandspotential einzuschätzen. Eine Kurzpropaganda für Mao. Ein "Diskurs über Rausch und Revolution". Holger Meins war ein durchaus ernstzunehmender Künstler, der versuchte, das politische Potential des Mediums Film für sich zu nutzen.
Und sein Charakter? Fast alle Zeitzeugen sprechen von seiner Sanftheit; "Holger war unser Sorgenkind" (Rainer Langhans), er war "weich und lieb" (Michael Ballhaus). Wie wurde nun aus diesem sinnsuchenden Rebellen ein Terrorist?
Nach vielen Demos und Aktionen, u.a. gegen den Vietnamkrieg und den Besuch des Schahs von Persien; dem Ausschluß von Studium wegen der Besetzung des Rektorates, schließt sich Meins 1970 der gewalttätigen RAF an. Denn anscheinend ist alles ganz einfach: "Entweder du bist ein Teil des Problems oder ein Teil der Lösung". Oder?

Wenn man einen Revolutionär porträtiert, sollte man klar zeigen, gegen was er kämpft. Atmosphäre ersetzt nicht den Sinn. Das ist das Problem dieser eigentlich faszinierenden und wichtigen Dokumentation: Sie zeigt den gesellschaftlichen Hintergrund, die andere Seite, nicht. Meins hatte durchaus ernstzunehmende "Gegner", seine Feindbilder waren –für ihn- nicht abstrakt. Da genügt es auch nicht, Ulrike Meinhoff ein paar Worte zuzugestehen oder revolutionäre Maximen in arg studentischer Sprache zu zitieren.
Die Bilder sind allerdings symbolisch aufgeladen: Holger, wie er in Unterhose fortgezerrt und verhaftet wird. Schließlich nach seinem Tod, der ausgehungerte 33jährige Körper wie "ein Alien", vielleicht auch wie eine verlassene Larvenhülle. Der emotionale Rahmen wird von dem Vater, Wilhelm Meins, abgesteckt. (Ihm ist der Film gewidmet). Und vielleicht kann er Hinweise geben, wie es damals in Deutschland aussah: Man wollte das "Terroristenkind" nicht auf dem Friedhof haben; drohte, ihn auszugraben und an einem Baum aufzuhängen. Als Wilhelm Meins seinen Sohn früher im Knast besucht hatte, war dieser seltsamerweise auf der Krankenstation, obwohl er kerngesund im Gefängnis ankam.






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