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2:37
2:37
© 2006 Senator Film, alle Rechte vorbehalten.

Kritik: 2:37 (2006)


Das übliche Treiben im Eingangsbereich einer Schule, in Zeitlupe aufgenommen. Die Kamera schwebt durch den Raum und schließlich hinaus auf den Schulhof, an dessen Rand eine kleine Baumgruppe steht. Dort bleibt die Kamera stehen, schwenkt nach oben in das Blattwerk der Bäume, kreist. Dazu getragene Chorgesänge.
Schnitt.
Wir sind wieder in der Schule, die Kamera läuft diesmal in normalen Tempo. Eine Leiche wird entdeckt – Selbstmord. Die Leiche selbst wird uns nicht gezeigt, nur das Entsetzen in den Gesichtern der Finder. Einblendungen informieren darüber, dass der Leichen-Fund um 2.37 Uhr nachmittags stattfand und die Uhr nun noch einmal zurück gedreht wird, auf 8.00 Uhr morgens am selben Tag. In Folge lernen wir sechs Jugendliche kennen, die schwebende Kamera folgt ihnen wie ein Geist durch den Vormittag, dokumentiert ihre Sichtweise, ihre Erlebnisse, gute wie schlechte. Kurze, in schwarz-weiß gedrehte Interviews, in denen die Jugendlichen von ihren Träumen, Sorgen und Nöten berichten, unterbrechen die Dokumentation des Schulalltags. Mit der Zeit wird klar, dass wirklich jedem dieser Jugendlichen ein Selbstmord zuzutrauen ist. Sie alle haben Probleme, mit denen sie allein nicht fertig werden, die sie aber auch mit niemandem zu teilen im Stande sind – weil ihnen niemand zuhört, oder weil sie selbst nicht darüber reden wollen. Als Zuschauer ist man so permanent damit beschäftigt sich zu fragen, wen es treffen wird, wägt ab, welches Problem so gravierend ist, dass es den Selbstmord erklärt – und liegt am Ende in jedem Fall verkehrt.

Murali K. Thalluri, der für Drehbuch, Regie, Produktion und Schnitt von 2:37 verantwortlich zeichnet, war gerade mal 19 Jahre alt, als er das Script für seinen Debütfilm verfasste. Zwei Jahre kostete es ihn schließlich, den Film fertig zu stellen. Herausgekommen ist alles andere als ein Gute-Laune-Film, harte Kost, die überraschend durchdacht daherkommt.
Auffallend zum Beispiel der gezielte Einsatz der Kamera: Der massive Einsatz subjektiver Steady-Cam-Aufnahmen hat nicht nur ästhetische Gründe, sondern dient dazu, aus der Kamera einen eigenen Charakter zu formen. Der Zuschauer verfolgt den Vormittag also nicht nur aus sechs, sondern tatsächlich aus sieben Perspektiven – nur das Figur Nr. 7 für die anderen Jugendlichen mehr oder minder komplett unsichtbar ist und wir daher nahezu nichts über sie erfahren.
Einiger Planungsaufwand verbirgt sich sicher auch in dem permanenten Wechsel zwischen den unterschiedlichen Perspektiven der Jugendlichen: Mit jedem Perspektivwechsel wird ein ganz neues Licht auf jeweils einen der Charaktere geworfen. Anfangs eher unsympathische Figuren werden plötzlich sympathisch, Figuren für die man eben noch Mitleid empfand, werden abstoßend. Dahinter steckt der Wille zu demonstrieren, dass man sich nicht auf Äußerlichkeiten verlassen darf - Leid, Schmerzen, Agressionen der Jugendlichen sind gut verborgen, sie offenbaren sich häufig nur aus Zufall, aus einem unabsichtlich aufgeschnappten Gespräch oder einer heimlichen Beobachtung. Freiwillig schüttet tatsächlich keiner der Jugendlichen sein Herz aus, sie alle leiden lieber einsam vor sich hin.
Neben Kamera und Story-Konstruktion fallen positiv vor allem auch die Darsteller auf. Sie alle sind Laien, denen aber gerade in den Einzelinterviews, in denen ihre Gesichter Leinwandfüllend zu betrachten sind, doch einiges abverlangt wird. Da muss der Glanz in den Augen auf Befehl ersterben, Tränen müssen in die Augen steigen, und Trotz, Trauer und Wut sich in schnellem Wechsel in den Gesichtern abzeichnen – und auch wenn es Qualitätsunterschiede in der Darstellung gibt, so findet sich doch niemand, der störend oder unglaubwürdig wirkt.
Insgesamt hätte dem Film eine etwas straffere Erzählung gut getan. Die Dauerpräsentation von mehr oder minder ausgewachsenen Problemen wirkt auf Dauer einfach etwas anstrengend und in Kombination mit der niedrigen Schnittfrequenz doch etwas ermüdend. Zudem hättte Thalluri durchaus etwas mehr Zutrauen in die Verständnisfähigkeit seiner Zuschauer aufbringen können. Mitunter bekommt man das Gefühl der junge Regisseur habe Angst gehabt, die Gründe für das Leiden der Jugendlichen seien nicht plausibel genug, weswegen er überall noch ein Schippchen draufgelegt hat – und das ist dann gerne ein Tick zu viel (z.B. wird ein Mädchen vernachlässigt, vergewaltigt und ungewollt schwanger), oder gleitet ins Klischee ab (etwa: der verkappte Schwule, der sich als Super-Macho und Frauenheld ausgibt und seine Freundin in der Pause zu Analverkehr überredet). Wenn man doch darstellen will, wie allgegenwärtig die Selbstmordgefahr in diesen Jahren der Pubertät ist, sollte man die Ursachen der Leiden nicht übertreiben. Jeder der die Pubertät erfolgreich hinter sich gebracht hat wird sich (wenn er denn will) daran erinnern können, wie sehr man in diesen Jahren dazu neigt, sich in irgendetwas hineinzusteigern, sei es nun Liebeskummer oder das Gefühl ein Außenseiter, unverstanden oder schlicht zu dick, hässlich, dumm zu sein. Selbstmord braucht keine Katastrophe – genau das ist ja die erschreckende Erkenntnis.
Zusammenfassend lässt sich also sagen: 2:37 ist ein intelligent konstruiertes und visuell durchdachtes Debüt mit erstaunlich guten Laiendarstellern, das allerdings doch etwas zu lang, und dadurch recht anstrengend geraten ist.






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