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Am Ende kommen Touristen
Am Ende kommen Touristen
© X Verleih AG

Kritik: Am Ende kommen Touristen (2007)


Der 19jährige Sven will eigentlich in einem Jugendzentrum in Amsterdam seinen Zivildienst leisten. Stattdessen endet er in Auschwitz, wo er sich um deutsche Schulgruppen und einen abweisenden, langsam gebrechlich werdenden, Überlebenden des Todeslagers kümmern soll. - An dieser Stelle durchatmen: "Am Ende" ist weder erzieherische Tour de Force mit Streichersoundtrack, noch artet es in einen versöhnungsseligen Buddy Movie aus. Tatsächlich spielt der Film im Schatten von Auschwitz, in der polnischen Kleinstadt Oświęcim, die unfreiwillig mit und von dem Konzentrationslager lebt und in welcher der Regisseur, Robert Thalheim ("Netto"), in den 90ern selbst Zivildienst leistete.
Sven (Alexander Fehling) erscheint mit wackligen Handkamerabildern, die sich mit seiner Ankunft allmählich beruhigen. Obwohl es für ihn ruckelig weitergeht: Er versteht die Sprache nicht. Der ihm anvertraute ehemalige Häftling Krzemiński spricht zwar deutsch, weist ihn aber in Kommando-Stakkatos von oben herab ab. Als Sven einmal dagegen aufbegehrt, hält ihm ein Museumspädagoge im Kordjackett prompt eine Moralpredigt über den "sensiblen Ort". Der erste etwa gleichaltrige Pole, mit dem Sven spricht, hält ihn wegen einer ungeschickten Formulierung für einen Vorposten der deutschen "Civil Army". Und überhaupt machen sich alle für ihn offensichtlich auf polnisch über den jungen "Fritz" lustig. Ein erster Lichtblick ist Svens Begegnung mit der schönen Dolmetscherin Ania, die ihm schließlich ein Zimmer in ihrer Plattenbausiedlung untervermietet – sehr zum Unwillen ihres Slacker-Bruders, der seinetwegen den Raum räumen muss. Zwischen Ania und Sven entwickelt sich eine behutsame Liebe, die allerdings nicht an die Intensität der widersprüchlichen Beziehung zwischen Sven und seinem bärbeißigen Schützling Krzemiński heranreicht. Dabei zeigen Ania und der Alte genau den Zwiespalt der Erinnerungskultur: Krzemiński weigert sich trotz beharrlichen Zuredens seiner Schwester, das Lager zu verlassen. Er repariert Koffer, die Juden zurücklassen mussten, anstatt sie nach modernen Vorgaben zu konservieren, wie es die Museumsrestauratoren verlangen. Vor allem aber erzählt er bei öffentlichen Anlässen von seinen Erinnerungen.
Ania will weg. Für sie ist der Ort mehr Image als Lebensraum. Sie kann nicht mal ausdrücken, wie es ist, dort aufzuwachsen und will sich nicht als deutsch empfundene Geschichte aufzwingen lassen.
Sven versteht beide nicht wirklich, entwickelt aber zunehmend Sensibilität für den Oświęcim/Auschwitz-Gegensatz – vor allem dank anderer Besucher, die es unbedingt richtig machen wollen. Etwa bei einer Pflichtveranstaltung für deutsche Azubis, die Krzemiński dann schnippische Fragen stellen. Besonders bitter: Der ehemalige Häftling erzählt bei einer betrieblich gesponserten Mahnsteinlegung "Wir wurden nur beurteilt nach unserer Verwertbarkeit...", da schneidet ihm die gutmeinende deutsche Betroffenheitsbotschafterin der Firma das Wort ab - für das obligatorische Foto mit dem lebendigen Denkmal.
Dass der Film bewegt, aber nicht bedrückt, liegt an der vorsichtigen, Didaktik-freien Balance der Widersprüche und den sensiblen Dialogen. Mit diesen gelingt es Fehling zudem, präzise gegen sein deutlich älter als 19jähriges Aussehen anzuspielen und Svens eigentümliche Unbedarftheit und Ernsthaftigkeit auf den Punkt zu bringen. Der nüchterne Look, die sparsame Musik, der unsichere Held und die unbequemen Details über den Umgang mit Auschwitz werden Menschen, die sich vom Thema ein tieftragisches Drama erhoffen, sicher nicht befriedigen. Mit Krzemiński wird hier empfohlen: "Zeigen sie denen Schindlers Liste".




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