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It's a Free World
It's a Free World
© Neue Visionen

Kritik: It's a Free World... (2007)


Die drei Auslassungpunkte im Titel geben die Richtung des neuen Loach vor: Die freie Welt steckt voller Fallen. "It's a free world..." ist ein bitterer, unbequemer Film über die Ausbeutung von mehr oder minder legalen Gastarbeitern. Erzählt wird die Geschichte jedoch nicht über einen von ihnen, sondern durch ihre "Arbeitsvermittlerin" Angie (Kierston Wareing), die ein wenig wie eine Brecht’sche Heldin durch die Story brettert – allerdings ohne den erzieherischen Holzhammer.

Angie ist eine hartgesottene Londonerin in den 30ern. Sie trägt billiges blond mit Raubtierdruckmantel und arbeitet bei einer Zeitarbeitsagentur, für die sie in Osteuropa billige Arbeitskräfte anheuert. Als sie sich den Begrabschungen eines schmierigen Kollegen entzieht, feuert man sie.
Da Angie nicht länger von einem Job zum nächsten hangeln will und obendrein ihren schwierig werdenden 11jährigen Sohn Jamie, den sie bei ihren Eltern parkte, zu sich nehmen will, beschließt sie kurzerhand, ihre eigene Agentur aufzuziehen.
Sie kauft sich ein schickes Motorrad, erklärt den Hinterhof ihres Stammpubs zum Geschäftszentrum, lässt sich von ihrer Freundin und Mitbewohnerin Rose – die sie auch als Firmenpartnerin einsetzt – Logo und Website basteln und klappert schließlich frech und selbstbewusst alte Kontakte ab. Die steuerliche Anmeldung verschiebt sie auf später. Und schon geht’s los. Die Verzweifelten treffen ein, werden von ihr zugeteilt und ruppig in Kleintransporter verladen. Doch mit Angies Karriereaufstieg geht ihr moralischer Abstieg einher.

Dabei ist Angie eigentlich keine völlig versteinerte Businesszicke, sondern lediglich ein Kind der Thatcher-Ära, welches das Gefühl hat, immer zu kurz gekommen zu sein. Und sie spürt, dass sie älter wird. Doch die Notwendigkeit, ihr Leben zu meistern und für ihren Sohn zu sorgen, schlägt schnell in pure Profitsucht um: Sie beutet noch verzweifeltere Menschen aus – wider besseres Wissen.
Ihr Vater personifiziert dagegen das soziale Gewissen und gewissermaßen die Würde der Arbeiterklasse – das Leitthema von Ken Loaches Filmen. Ihm und sich selbst gegenüber rechtfertigt Angie ihr Handeln mit der albernen alten "Aber-ich-gebe-ihnen-doch-Arbeit(-die-sie-wollen)"-Nummer. Als sie sich beim Schönreden verheddert, scheint ein wenig von ihrer anderen Seite durch, die sie zuvor nur mit der Aufnahme einer versteckt in einer Industriebrache hausenden iranischen Familie zeigte. Angies Freundin Rose erscheint ähnlich moralisch ambivalent, lässt sich allerdings nicht ganz so tief fallen.
Da man sich mit Angie nur zu Anfang wirklich identifizieren kann, berührt es auch nur vage, dass dubiose Mittelsmänner sie fallen lassen und die Missbrauchten schließlich zurückschlagen.

Die Schauspielerin Rose Wareing ist Angie gar nicht so unähnlich: Zehn Jahre lang versuchte sie vergeblich, ihre Schauspielkarriere in Gang zu bekommen und fing schließlich sogar eine neue Ausbildung zur Sekretärin an – bis Loach sie doch noch entdeckte. Vielleicht schmeißt Wareing  deshalb alles in die Rolle: Ihre Angie ist harsch, sanft, charmant, dreist, kalt und schlau – und das alles glaubwürdig.
Was ihr vermutlich von Paul Lavertys vielschichtigem Drehbuch erleichtert wurde: Während Sozialkritik im Film meist aufgesetzt und peinlich wirkt, verpackt Laverty sein Anliegen dezent, in eine überzeugende, in sich stimmige, von Charakteren getragene Geschichte, die Loach straff und spannend inszenierte. Predigende Untertöne kommen nur in wenigen Momenten durch.

Fazit: "It's a free world..." erzählt beiläufig eine Geschichte über Sklavenarbeit im Westeuropa des 21. Jahrhundert, über das spannende Schicksal einer Frau, die in die Zwickmühle der Ausbeutung fällt. Auch exzellente Schauspieler und authentische Dialoge machen Ken Loachs jüngsten Film unbedingt sehenswert.




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