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Kritik: Schwesterherz (2006)


Schwarz, schwarz, schwarz sind alle meine Kleider,
schwarz, schwarz, schwarz ist alles was ich hab.
Darum lieb ich...

Mit „Schwesterherz“ hat Heike Makatsch erstmals den Schritt hinter die Kamera gewagt - nicht nur spielt sie die Hauptrolle in dem von Ed Herzog inszenierten Drama, gemeinsam mit Journalistin Johana Adorján zeichnet Makatsch auch für das Drehbuch verantwortlich. Der Stoff den sich die schon lange vom Girlie-Prototyp zur ernstzunehmenden Schauspielerin gewandelte Makatsch für ihr Script-Debüt ausgewählt hat, wirft ähnliche Fragen auf wie sie in Kleinstspuren auch in Buddy-, oder Romantik-Komödien nachgewiesen werden können:
Wie soll man zu Zeiten des extremen Jugendwahns ohne Krise erwachsen werden können? Und was genau bedeutet erwachsen werden? Ab wann ist man alt? Wie soll man als weibliches Wesen damit klar kommen, dass man in der Rolle des naiven kleinen Girlies nun wirklich nicht mehr durchkommt? Welche Rolle bietet sich statt dessen an?

Fragen über Fragen – die auch „Schwesterherz“ nicht wirklich beantwortet. Der Verdienst des Films ist es vielmehr, dass das Augenmerk überhaupt mal auf diese Fragen gelenkt wird, und das ausnahmsweise nicht aus der Perspektive dauerpubertierender, bindungsunfähiger, verunsicherter Kindsköpfe (auch wenn eine solche Figur, in Gestalt von Annes Freund Phillip, natürlich auch in „Schwesterherz“ auftritt), sondern eben aus jener einer um die 30jährigen Frau. Dabei zeigt sich dann, dass all den Kindsköpfen Frauen gegenüber stehen, die zwar vielleicht generell etwas vernünftiger sind, aber eigentlich genau so wenig erwachsen werden wollen wie die Kerle. Frauen, die dann aber von ihrer immer lauter tickenden biologischen Uhr, wesentlich früher als ihre männlichen Altersgenossen, gezwungen werden anzuerkennen, dass sich Biologie, Psyche und Selbstwahrnehmung seit der Pubertät in komplett anderem Tempo fortbewegt haben.

Genau an diesem Punkt der erzwungen Erkenntnis steht die „Schwesterherz“-Hauptfigur Anne: Während ihre Biologie in Hochgeschwindigkeit durch die Zeit gerast ist, treten ihre Psyche und Selbstwahrnehmung seit Jahren auf der Stelle. Die 33jährige Musikmanagerin ist ein Workaholic und Kontrollfreak. Verbissen rackert sie sich ab, um allen (inklusive sich selbst) das Bild einer glücklichen, jugendlichen, erfolgreichen Karrierefrau vorgaukeln zu können. Mit ihrem bindungsunwilligen Kindskopf von Freund lebt sie ein oberflächliches Glitzerleben in schicker, bis hin zum letzten Strohhalm durch und durch schwarzer Designer-Kulisse. Eine ungeplante Schwangerschaft stört Annes Selbstbetrug empfindlich und macht deutlich, dass es in ihrem Inneren in etwa so fröhlich aussieht, wie in ihrer düsteren, ungemütlichen Umgebung. Als sie im Urlaub dann auch noch mit dem jugendlichen Idealismus und Optimismus ihrer 18jährigen Schwester konfrontiert wird und erkennen muss, dass, sie selbst, ohne es zu merken, älter geworden ist, landet sie endgültig in einer tiefen und reichlich selbstzerstörerischen Krise.

Makatsch schafft es, Verständnis und schließlich gar Sympathie für Hauptfigur Anne zu wecken, obwohl diese permanent gereizt und aggressiv gerade auch auf ihre recht verständnisvolle, durch und durch liebenswerte (wenngleich ein wenig altkluge) jüngere Schwester reagiert.
Anna-Maria Mühe in der Rolle der lebensbejahenden und idealistischen jüngeren Marie, die ruhig und ausgeglichen die Ausraster ihrer älteren, ehemals bewunderten, Schwester verfolgt, ist dabei ideal besetzt.

Von Ed Herzog in ruhigen Bildern, aber nicht langatmig, inszeniert, fällt an der Optik insbesondere die Farb- und Forminszenierung auf, die sich durch Lichtsetzung, Ausstattung und Kostüme zieht und Annes Innenleben sichtbar macht. Da ist zunächst ihr schwarzer, harter, kantiger Alltag: Ihre Möbel strotzen vor harten rechten Winkeln und alles in ihrer Umgebung ist schwarz – ihre Kleider, Taschen, Accesoires, ihr Auto, ihre Möbel, die Kleider ihrer (falschen) Freunde, Annes unter permanentem Druck stehende Psyche.
Der Schock der unerwarteten Schwangerschaft und der anstehenden Abtreibung spiegelt sich auf einem T-Shirt wieder, das passenderweise ein schreiendes Baby auf Annes noch flachen Bauch spannt.
Das Spanien der Vorsaison ist dann zwar luftiger, heller und weniger kantig, aber auch kalt und leer. Und so allein Anne am Strand ist, so einsam und ungeliebt fühlt sie sich hier. Doch immerhin schafft sie es mit der Zeit, sich von dem Druck ihres Arbeitsalltags zu lösen, die schwarzen Accesoires werden Stück für Stück abgelegt und als Anne am Ende in ihr schwarzes künstliches, ungemütliches Zuhause zurückkehrt, will das alles nicht mehr recht zu ihr passen. Ein Hoffnungsschimmer? Man weiß es nicht.

Fazit: Wegen der ausschließlich weiblichen Perspektive richtet sich „Schwesterherz“ wohl eher an Frauen, und zwar Frauen, die die Pubertät, zumindest rein biologisch betrachtet, schon ein gutes Jahrzehnt hinter sich gebracht haben. Die bekommen dann ein glaubwürdig und mit guten Darstellern sauber und durchdacht inszeniertes Drama zu sehen, das zwar kein Happy End hat, aber doch zumindest die Möglichkeit für einen Hoffnungsschimmer bereit hält.




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