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Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte
Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte
© 2009 Concorde Filmverleih GmbH

Kritik: Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte (2009)


Es ist die Erfolgsstory schlechthin. Die Menschheit hat viele andere Systeme ausprobiert, aber eines, das erlaubt soviel Reichtümer anzuhäufen, wie möglich, ist offensichtlich zu verlockend. Es scheint einfach in der Natur des Menschen, immer noch mehr haben zu wollen – und sei es auf Kosten aller anderen.
Wen schert es schon, wenn die Schwachen auf der Strecke bleiben? Kapitalismus kann ohne eine gesunde Portion Egoismus schließlich nicht funktionieren. Ein System aber, dass es jedem gestattet seines eigenen Glückes Schmied zu sein, erlaubt auch ungezügeltes modernes Raubrittertum. In der heutigen Zeit sind das die Finanzlobbyisten, Börsenspekulanten, Investmentbanker, Topmanager multinationaler Konzerne sowie Vorstände und Aufsichtsräte von Superbanken. Und genau diese erlitten mit ihrem so erfolgreichen System der Profitmaximierung jüngst Schiffbruch. In Billionenhöhe haben sie sich verspekuliert; die Seifenblase der virtuellen Geldwirtschaft ist geplatzt, wie schon 1929 bei der schlimmsten Weltwirtschaftskrise und ebenso auch Ende der 1980er Jahre, als den Yuppies die sogenannte New Economy um die Ohren flog. Was liegt also näher, als das Michael Moore, das ewig mahnende Gewissen der amerikanischen Gesellschaft, einen Film über die Machenschaften der wahren Herrscher dieser Welt macht. Mitten in den Zeiten der aktuellen Krise passt ein solcher Film ganz trefflich in seine Selbst-Vermarktungsstrategie.
Wie üblich ist auch diese Doku, die mit der amerikanischen Finanzwirtschaft abrechnet, dramaturgisch tadellos inszeniert. Moore zeigt auf, wie es dem Kapital gelang, alle gesellschaftlichen und politischen Schlüsselpositionen zu kontrollieren, so dass im Prinzip der kleine Mann, ebenso wie die Politik, gegen die Machenschaften völlig machtlos wurden; es sein den, man solidarisiert sich von unten zu einer Art Revolution.
Ganz von der Hand zu weisen sind diese Zusammenhänge nicht: Der Gedanke man könnte die internationalen Finanzmärkte in irgendeiner Form regulieren, ist aber nichts weiter als Wunschdenken; schlimmstenfalls sogar schlichtweg Utopie. Die Banken spekulieren wild mit Geld, welches ihnen nicht gehört oder schlimmer noch, gar nicht real existiert; sie nehmen Anleihen auf immer neue Schulden und tilgen alte Schulden, indem sie Schuldverschreibungen einfach weiterverhökern. Und das immer so weiter und weiter. Wenn sie sich dann richtig verzocken, springt der Staat ein und pumpt Milliarden in die Rettung der marode gewirtschafteten Geldhäuser (aus Angst vor noch viel schlimmeren Folgen, wenn er es nicht täte) und die Banken können anschließend weitermachen.
Ganz falsch liegt Moore mit seiner Kritik also selbstredend nicht. Aber an manchen Stellen der Doku verzettelt sich der Filmemacher allzu sehr in die Spezifika der US-Finanzwirtschaft. Dort erweisen sich einige Kenntnisse der jüngsten amerikanischen Geschichte sowie Innen- und Wirtschaftspolitik durchaus Hilfreich, um vollends durchzusteigen. Doch nicht alles ist auch eins zu eins auf die europäische und deutsche Situation übertragbar. Michael Moore´s Sicht auf die Dinge geschieht schlichtweg aus der amerikanischen Perspektive. Spannend und leerreich ist der Film aber allemal.

Fazit: Gut gemachte Michael-Moore-typische Dokumentation. Die durchaus an den richtigen Stellen ansetzt, aber auch den Kritikern einige Steilvorlagen beschert. Insbesondere da gegen Ende Michael Moore seinem Image reichlich Ehre macht, indem er sich ordentlich selbst inszeniert und produziert. Besonders Naiv fallen zusätzlich die Obama-Heiland-Plattitüden ins Gewicht. Gerade in der derzeitigen Lage, wo sich bewahrheitet, wie wenig in den USA guter Wille allein bewegen kann. Dem amerikanischen Präsidenten gelingt es nicht einmal seine Gesundheitsreform durchzuboxen, wie soll es dann gelingen, die Finanzmärkte zu regulieren?




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