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Kritik: Lila, Lila (2008)


Ein ganz beachtlicher Cast wurde für die Adaption des gleichnamigen nationalen Bestsellers von Martin Suter aufgeboten: Neben den beiden Shooting-Stars des deutschen Kinos, Daniel Brühl ("John Rabe", "Good Bye Lenin") und Hannah Herzsprung ("Der Baader Meinhof Komplex", "Hildegard von Bingen"), gibt sich auch das Urgestein des deutsch-deutschen Kinos, Henry Hübchen ("Whisky mit Wodka"), die Ehre.

"Lila, Lila" erzählt von einer unmöglichen Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen, die in völlig verschiedenen Welten leben. David ist Kellner in einem Café, indem des öfteren eine Gruppe aus Literatur studierenden, angehenden Autoren und Hochkultis absteigt. Unter ihnen die attraktive Marie. David ist schon lange in sie verschossen, aber für Marie sind Männer aus niederen geistigen Sphären nur Luft. Und David hätte sie noch bis in alle Ewigkeit chancenlos angeschmachtet, wenn ihm das Schicksal nicht eine zweischneidige Fügung zuteil hätte werden lassen: Auf einem Flohmarkt kauft er einen Nachttisch und entdeckt, dass, in einer Schublade vergessen, ein altes Manuskript mit dem Titel "Sophie, Sophie" schlummert; verfasst von einem gewissen Alfred Duster.

David liest sich die Geschichte durch, die in den 1950er Jahren spielt, und ist von der gefühlvollen Lovestory angerührt. Da kommt ihm die Idee, das Manuskript als sein eigenes auszugeben. Er denkt aber nicht an Veröffentlichung. Er will sich bloß als Schreiberling ausgeben, der sich bisher nicht traute, mit seinen literarischen Versuchen an die Öffentlichkeit zu gehen. Nun bittet er Marie, sein Werk zu begutachten (natürlich war er schlau genug sich zu vergewissern, ob ein Alfred Duster das Buch bereits veröffentlicht hat). Marie rät ihm zunächst ab, sein Manuskript ausgerechnet von ihr prüfen zu lassen: Sie sei zu kompromisslos und würde ihm klipp und klar sagen, wenn sie seinen Schrieb für großen Mist hielte. Dann aber lässt sie sich doch überreden, und siehe da: Sie ist derart von der Geschichte begeistert, dass sie sich augenblicklich in den talentierten und sensiblen Nachwuchsautor verliebt und heimlich eine Kopie des Manuskripts an einen Verlag schickt. Damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf, obschon David als Neuentdeckung der literarischen Welt alsbald hoch gehandelt wird.
Kann aber das Glück zweier Menschen auf solch einer Lüge fußen, und was wenn der Schwindel auffliegt oder gar der echte Autor auftaucht?

Wie es Film-im-Film-Geschichten gibt, ist "Lila, Lila" eine Art Buch-in-Buch-Story. Beim Roman liegt der Schwerpunkt der Geschichte allerdings mehr auf der Satire des Literaturbetriebs, der, vergleichbar des Kunstbetriebs, ein selbstbezogener und selbstverliebter Zirkel ist: Die Möchtegerns sonnen sich im Schein der Erfolgreichen und schauen hernieder auf die Normalsterblichen, und die Frauen der Szene sind im Prinzip wie Groupies für Intellektuelle. Dabei sollte aber vielleicht angemerkt werden, dass die orgiastische Euphorie die den Künstlern entgegengebracht wird und das Verlangen der Damen kaum als sexuell betrachtet werden kann, sondern einfach Sinnbild des obsessiven Dazugehören-Wollens zu diesen elitären Kreisen ist.

Im Film steht hingegen die Medienwelt im Allgemeinem am Pranger und vielmehr ist es leichte, ironische und süffisante Parodie als ernstliche Persiflage. Hier hinzu gesellt sich das tragisch-komische Herumsstolpern Davids in seinem echten wie falschen Leben: Egal ob einfacher Kellner oder gefeierter Autor, irgendwie macht er eine etwas ungelenke Figur. Getoppt wird dies aber noch vom Auftritt Henry Hübchens, der als bohemer Clochard-look-alike Poet aus der Versenkung auftaucht; doch nicht um dem jungen Betrüger den Ruhm streitig zu machen, sondern sich an seine Fersen zu heften und als Ghostwriter ihm zuzuarbeiten. Diese Wendung fügt dem sonst eher leichten Komödiengebräu noch ein paar bitter-zynische Facetten hinzu; das kann Henry Hübchen wirklich unvergleichlich gut.
Im Wesentlichen steht aber trotz allem die von einem Hauch Tragik umwehte Romanze im Mittelpunkt und die daraus resultierende Frage, ob Frauen sich bei einem Mann tatsächlich in die Persönlichkeit oder doch eher in seine Popularität verlieben (fünf Euro in die Redaktions-Chauvikasse sind unterwegs).

Fazit: Feinsinniges Lügengespinst, dass auch viele Fragen im Kopf des Zuschauers aufwerfen könnte. Ein sehr gut aufgelegtes Schauspieler-Ensemble sorgt fürs in-die-Geschichte-gezogen-werden. Besonders die, welche selbst ein paar Scheibversuche schon mal in einer Schublade dem Vergessen übergeben haben, könnten sich berührt fühlen. Der Liebesgeschichte an sich mangelt es zwar etwas an Glaubwürdigkeit, und die allerletzte plakative Wendung ist ebenso vorhersehbar wie konstruiert anmutend - aber der Film hat soviel Grundcharme, dass man selbst das nicht ernstlich übel nimmt.





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