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Das Massaker von Katyn - Plakat
Das Massaker von Katyn - Plakat
© Pandastorm Pictures

Kritik: Das Massaker von Katyn (2007)


Der 1926 geborene Andrzej Warda ist Polens berühmtester Regisseur. Mit "Eine Generation", seinem 1954 veröffentlichtem Filmdebüt und dem ersten Teil einer gegenwarts- und gesellschaftskritischen Trilogie, begründete er die "Polnische Schule". Über 40 Filme drehte er seither, daneben arbeitete er am Theater, war Präsident des polnischen Filmverbands, Mitglied des polnischen Senats (von 1989 bis 1991) und (von 1992 bis 1994) Vertreter des Kulturministeriums. Er erhielt zahlreiche internationale Auszeichnungen, darunter den Oscar für sein Lebenswerk und mehrere Ehrendoktorwürden.
"Das Massaker von Katyn" ist sein wohl persönlichster Film - sein Vater wurde Opfer des 1940 von Rotarmisten an polnischen Offizieren und Soldaten verübten Massakers, bis zu ihrem Tod in den 50er Jahren hoffte seine ahnungslose Mutter auf die Rückkehr des Ermordeten. Da Wajda mit dem Film nicht seine persönliche Geschichte bzw. die seines Vaters erzählen wollte, verband er ín dem Drehbuch mehrere Schicksale und konzentrierte sich dabei auf die Hinterbliebenen Frauen und Kinder.
Der Film beginnt mit einer eindrücklichen Szene (angeblich nach wahren Begebenheiten inszeniert), die den polnischen Albtraum veranschaulicht: Auf einer Brücke treffen zwei Flüchtlingstrecks aufeinander - die einen auf der Flucht vor der roten Armee, die anderen auf der Flucht vor der Wehrmacht. Die Lage ist aussichtslos, den Flüchtenden bleibt nur die Wahl zwischen Teufel und Belzebub. Angesichts der Tatsache, dass Polen durch den Hitler-Stalin-Pakt 1939 bei weitem nicht zum ersten Mal Opfer einer Teilung durch die benachbarten Großmächte wurde, ist die bis heute spürbare Angst der Polen vor ihren Nachbarn Deutschland und Russland doch recht nachvollziehbar.
So eindrücklich wie diese Anfangsszene sind auch die Schlussminuten, in denen Wajda fast stoisch, in aller Deutlichkeit, das brutale Massaker im wald von Katyn, dem insgesamt rund 25.000 Menschen - Soldaten, Polizisten, Offiziere, aber auch Intellektuelle und Wissenschaftler - zum Opfer fielen. Gerade diese Szenen gehen an die Nieren - so sehr, dass im Kinosaal nach der Vorführung im Rahmen der Berlinale minutenlang Stille herrschte.
Leider aber ist nicht alles so gelungen wie Anfangs- und Schlusssequenz, denn zwischendurch verzettelt sich der Regisseur. Wegen des Versuchs, nicht seine persönliche, sondern eine allgemein polnische Geschichte zu erzählen, enthält das Drehbuch schlicht zu viele Protagonisten und Handlungsstränge. Für polnische Zuschauer, die ja grundsätzlich mit ihrer Geschichte und den unterschiedlichen politischen Lagern in ihrem Land (zu jener Zeit) vertraut sind, mag das kein Problem sein.
Internationalen Zuschauern allerdings, die naturgemäß über Polens Geschichte weit weniger wissen, erschwert die große Menge an Protagonisten das Verständnis, zumal zusätzlich nicht immer chronologisch erzählt wird. Für den internationalen Markt wäre eine Konzentration auf weniger Charakterealso vermutlich besser gewesen - allerdings ist anzunehmen, dass Wajda mit seinem Drama auch in erster Linie seine Landsleute ansprechen wollte. Und tatsächlich setze der Film in Polen eine Diskussion über das Massaker, dessen wahre Hintergründe in Polen erst zu Beginn der 90er Jahre bekannt wurden, in Gang.
Positiv ist insofern das eher geruhsame Erzähltempo, gibt es einem doch etwas Zeit sich darüber klar zu werden, welcher Person und Geschichte man da eigentlich gerade folgt. Schön ist auch, dass Wajda z.B. anhand von Original-Propagandafilmen sowohl der roten Armee, als auch der Wehrmacht beweist, wie ähnlich sich die beiden totalitären Regime waren - ihre Propaganda zumindest ähnelt sich verblüffend.
Bleibt zweierlei zu erwähnen: 1.) An den schauspielerischen Leistungen gibt es durchweg nichts auszusetzen. Und 2.) Technisch ist Wajdas Drama auf dem neuesten Stand: Der Film wurde als erster europäischer Spielfilm überhaupt in der Postproduktion mit der hochauflösenden 4K-Technologie nachbearbeitet- eine Technik, mit deren Hilfe die Bilder viermal höher aufgelöst werden als üblich. Das macht zwar für Otto-Normal-Kinogänger optisch keinen Unterschied, macht aber die digitale Nachbearbeitung kleinster Details möglich.

Fazit: Recht gelungenes, geruhsam erzähltes Historiendrama mit einigen eindrucksvollen Sequenzen, dem aber leider wegen der vielen Protagonisten teilweise (etwas) schwer zu folgen ist. Interessant vor allem für Geschichtsinteressierte.





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