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Kritik: Nord (2008)


Spätestens seit Forrest Gump sind leicht absonderliche Antihelden cineastisch immer wieder gern gesehene Gäste. Es ist vermutlich dieses "in-einer-eigenen-Realität-verhaftet-sein", dass trotz eigenartiger Weltsicht eine immense Portion Weisheit beherbergt und dem Protagonisten einen besonderen Charme verleiht. Beim norwegischen Drama "Nord" ist man sich allerdings nicht wirklich sicher in welcher Art Film man sich befindet: Held der Handlung ist Jomar (Anders Baasmo Christiansen), Typ griesgrämiger Bär, positiv gesprochen, der in der Hütte eine Skiliftstation lebt und – zumindest theoretisch – für die Vergabe der Skipässe verantwortlich ist. Eigentlich erweckt er mehr den Eindruck, bärengleich, dort seinen Winterschlaf zu halten und sich nur gelegentlich von seiner Schlafstätte zu erheben, um ein wenig Alkohol nachzukippen.

Sympathisch ist an diesem Typen zu Beginn gar nichts. Legitimation erfährt die Figur erst, als allmählich ersichtlich wird, dass Jomar nicht immer so war; ganz im Gegenteil, früher ein hochdekorierter Skisportler gewesen ist, aber seit einem Unfall an Depressionen und Panikattacken leidet und seinen Kummer in Hochprozentigem ertränkt. Zu allem Übel hat ihm auch noch sein bester Kumpel die Freundin ausgespannt. Und just dieser kommt Jomar plötzlich in seinem selbstgewählten Eremitendasein besuchen. Nachdem die beiden ein paar Herzlichkeiten ausgetauscht haben, eröffnet ihm sein Freund, dass Jomar einen vierjährigen Sohn hat und das seine Ex alleine hoch im Norden lebt; vielleicht Grund genug, um dorthin aufzubrechen. Hilfreich kommt der Zufall zuhilfe, als durch ein Missgeschick die Skihütte abfackelt. Mit reichlich Schnaps und dem Schneemobil bricht Jomar zu einem Trip auf, der ihn durch ein Land führt, dass einerseits sehr dünn bevölkert ist und anderseits reichlich bizarre Gestalten birgt.

"Nord" ist gleichermaßen Drama, Groteske, Roadmovie und im Prinzip auch Western. Der Umstand, dass der Film im subpolaren Schnee und Eis spielt, ändert daran nichts. Nord ist ein unklassischer Western aus skandinavischen Landen. Der Held ist als "Lone Ranger" in der weißen, nahezu unendlich anmutenden Pracht schneebedeckter Wald- und Bergpanoramen unterwegs. Auf seinem Wege trifft er einsame Großmütterchen, die inmitten der Wildnis mit ihrer Enkelin ein kleines Häuschen bewohnen, durchgeknallte homophobe "Billy the Kid"-Verschnitte, "Trapper", die stets ein Portion Blei für Schinkendiebe übrig haben und transzendierte Schamanen, die sich in die Einsamkeit zurückgezogen haben um ihr Ableben auf höchst originäre Weise zu zelebrieren. Alles Motive, die derart oder ähnlich schon in manch einem echten Western verarbeitet wurden.

Aus diesen Elementen bezieht "Nord" seinen skurrilen Charme und eine mitunter reichlich makabere Komik. Es ist sicherlich kein breitentauglicher Witz, der hier zum Besten gegeben wird, aber Freunde von Schräglagen-Psychogrammen und absurder Wendungen kommen bestens auf ihre Kosten. Und sogar für einen Running Gag wurde gesorgt.
Doch Nord hat noch eine andere Seite, eine gleichermaßen tragische, wie poetische. Der Protagonist, der wegen seiner psychischen Disposition eigentlich kaum in der Lage ist, ein paar Schritte vor die Tür zu gehen, bricht zu einer gefährlichen Reise mit ungewissem Ausgang auf, um seine Liebste und den gemeinsamen Sohn zu treffen. Aus Liebe nimmt er dieses Unbill auf sich – ganz so, wie es nur ein echter Held tun würde. Natürlich entpuppt sich dieser Trip aber auch als Reise zu sich selbt; wie heißt es schließlich so schön: "Der Weg ist das Ziel".

Fazit: Kurzweilige doppelbödige wie tragikkommische Unterhaltung, die zu Beginn etwas holpert, aber schnell Tempo annimmt, mit einer Vielzahl skurriler Wendungen bezaubert und mit malerischen Winterlandschaften verwöhnt. Kein Allerweltskino und nichts für die Bruckheimer-Fangemeinde; Arthouse-Cineasten sollte der Film aber heißkalt zum Knistern bringen.





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