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Cyrus
Cyrus
© 2010 Twentieth Century Fox

Kritik: Cyrus - Meine Freundin, ihr Sohn und ich (2010)


Ist man erst mal auf dem Bauch gelandet und übt sich aktiv nur noch im Brustwarzenkriechen, fällt es meist mehr als schwer, wieder auf die Beine zu kommen. John (John C. Reilly) hat es sich unten behaglich gemacht. Er steckt in einer Krise, einer Dauerkrise, die nun schon etliche Jahre anhält. Genau genommen, seit seine Frau ihn verließ. Vor die Tür geht er nur noch selten, ernährt sich von Pizza und Bier, und eine andere Frau ist seit der Trennung auch nicht mehr in sein Leben getreten. Er hat sich scheinbar mit Gelegenheits-Onanieren und in Selbstmitleid-Schwelgen arrangiert. Wäre da nicht seine Ex-Frau, die trotz Trennung so etwas wie sein bester Freund geblieben ist, es würde kaum noch jemand versuchen, ihn aus diesem Tief zu holen. Eines Abends begleitet er sie und ihren neuen Lebenspartner auf eine Party; sein verwelkter Charme zieht dort aber leider gar nicht. Es dauert folglich nicht lange, und er steht alleine abseits herum. Zum Trost gönnt er sich ein paar Gläser mehr, als gut für ihn ist, doch just bevor er sich zum Gespött machen kann, läuft ihm die vitale und attraktive Molly (Marisa Tomei) über den Weg. Warum auch immer: Die Lady findet Gefallen an John, und prompt verbringen sie gemeinsam eine berauschende Liebesnacht. John ist überglücklich: Molly könnte tatsächlich genau der Mensch sein, auf den er lange wartete. Er rappelt sich auf und beginnt sein Leben neu zu ordnen, doch Molly ist nicht allein. Da ist noch ein hartnäckiger Satellit, 22 Jahre alt, Cyrus (Jonah Hill) genannt, ausgesprochenes Mama-Kind und mit ausgeprägtem Besitzanspruch. In "Cyrus" dreht sich im Kern alles um die zweite, späte Chance, die so wundervoll sein kann, aber zuweilen mit komplizierenden Begleitumständen erkauft werden muss. Die drei Hauptdarsteller liefern in diesem Beziehungs-Mikado eine unglaublich gute Performance ab und beweisen damit, dass auch in den USA gutes Independent-Kino zu finden ist. In einer mehr als skurrilen Menage a troi kämpfen zwei Hähne und die einzige Henne, die beide jeweils für sich alleine beanspruchen: John, die Partnerin und Cyrus, die Mutter, die für ihn Dreh- und Angelpunkt seines im Grunde armseligen Lebens ist. Aller dreien gemeinsam, dass sie furchtbar einsam sind. Aus dieser Ausgangslage entwickelt sich ein äußerst sehenswertes Beziehungsdrama, das sich in das Gewand einer grotesken Komödie kleidet. Tiefer beleuchtet sind die Figuren aber mehr tragisch, als das sie zum Amüsement Anlass geben. John hängt seit Jahren durch, Molly lebt nicht ihr Leben, sondern existiert und funktioniert gerade so, wie es sich ihr erwachsener Sohn wünscht; der hat nie einen Schritt zu einem eigenständigen Leben getan und steckt in seiner Entwicklung irgendwo zwischen Riesenbaby und ödipalem Egozentriker fest. Ein Stückweit arbeitet sich der Film an diesem Motiv ab. Mutter und Sohn sind sich nahe, sehr nahe und gehen miteinander in einer Vertrautheit um, die sich jenseits dessen befindet, wie man es von einer normalen Mutter-Sohn-Beziehung erwarten würde. Genau hier böte sich die Gelegenheit, dem Film noch ein paar zusätzliche bizarre Momente zu verleihen. Bei einer amerikanischen Produktion werden aber gewisse Grenzen nicht tangiert, denn letzten Endes steht selbst bei solch einer unkonventionellen (Anti-)Komödie der Feel-Good-Aspekt des Publikums im Vordergrund.

Fazit: Intelligentes Kino aus Hollywoodlanden genießt Seltenheitswert. "Cyrus" ist überraschend und unkonventionell, wenn auch die Motive durchaus noch mit ein wenig mehr schwarzhumoriger Würze hätten abgeschmeckt werden können. Insgesamt ist es aber ein sehr ansehnlicher, schräger Streifen geworden, der über weite Strecken sehr gut unterhält.




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