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Late Bloomers - Poster
Late Bloomers - Poster
© Movienet

Kritik: Late Bloomers (2010)


Die Tatsache, dass sich der Film besonders im Kinojahr 2012 immer mehr mit dem Älter werden und Krankheiten wie Krebs und Depressionen beschäftigt, zeigt, dass diese Themen, die ja auch nur von Regisseuren und Drehbuchautoren ausgesucht werden weil sie sie betreffen, beschäftigen oder berühren, im Leben des 21. Jahrhunderts eine hohe gesellschaftliche Brisanz haben. Einen weiteren Beitrag zum Thema "Älter werden" liefert nun die französische Autorin und Regisseurin Julie Gravas mit "Late Bloomers" – einem kecken und erfrischend unkonventionellen Film, der sich nicht nur auf das Älter werden an sich beschränkt, sondern Themen wie Ehe und Selbstreflektion anspricht und sich dadurch zu einer sehr unterhaltsamen aber ebenso nachdenklichen Tragikomödie entwickelt.

Genau wie amerikanische Filme einen speziellen Charme und einen bestimmten Stil haben, der unweigerlich erkennen lässt, dass der Zuschauer in einem Hollywoodfilm sitzt, so haben auch europäische Produktionen ihre unvergleichliche und wiedererkennbare Note. Diese Muster enden aber nicht beim Inszenierungsstil, sondern finden sich sehr häufig auch in Dialogen und Dramaturgie. Die Unterschiede zwischen amerikanischen und europäischen Produktionen sind sehr gut zu erkennen, wenn man Julie Gravas "Late Bloomers" mit dem amerikanischen Pendant "Wie beim ersten Mal" vergleicht. Während der amerikanische Film meist einem einfachen Muster folgt, hat "Late Bloomers" Ecken und Kanten, menschliche Abgründe, ungeklärte Fragen und verborgene Geheimnisse. Dabei tut Regisseurin Gravas gut daran ihre Geschichte über ein alterndes Ehepaar nicht nur auf Eheprobleme zu reduzieren, sondern ihre Tragikomödie um Fragen nach Selbstbestimmung, Lebensfreude, Einsichten und Ängste, die wohl jeden mal plagen (werden), zu erweitern.

Besonders der von William Hurt gespielte Stararchitekt, der sich schon immer gegen seine ihn belächelnden Kollegen durchgesetzt hat und mit seinen eigenwilligen und risikobereiten Projekten genauso viel Ansehen erlangt hat wie seine Konkurrenz, ist einer dieser Charaktere, die den Film eigenwillig, kantig, aber vor allem menschlich machen. Notgedrungen muss er sich mit einigen Veränderungen in seinem Leben abfinden und einsehen, dass das Älter werden auch nicht gestoppt oder abgetan werden kann, indem man sich mit jungen Menschen umgibt oder weiterhin trendige Klamotten trägt. Dabei werden die dramatischeren Momente des Films aufgelockert durch den fabelhaft trockenen Humor und die Sturheit, mit der beide Hauptfiguren dem Älter werden begegnen.

Hier zeigt der französische Film, dass er trotz einer kurzen Spielzeit und einer meist humorvollen Auslegung der Thematik auch genauso gut ernst genommen werden kann. Die Charaktere sind zwar gelegentlich undurchsichtig, ihre Handlungen nicht immer nachvollziehbar - aber sie haben Profil und bleiben doch stets lebendig und humorvoll. Daneben zeigt auch ihre Beziehung all die Macken und Eigenschaften, wie sie eine 30 Jahre bestehende Ehe eben ausmacht. So sind die Figuren glaubwürdig und der Zuschauer kann ihre Emotionen tatsächlich spüren - wodurch der Film wie auch der Humor gleich noch ein Stück besser funktioniert.

Vor allem im ersten Drittel des Films arbeitet Gravas ihren Humor sehr stark über die Bilder aus und profitiert dabei enorm von Isabellas Rossellinis tatkräftigem Spiel. Die im Alter immer schöner werdende Schauspielerin braucht nur ihre launigen Blicke aufzusetzen, um den Zuschauer einerseits zum Lachen zu bringen, anderseits Verständnis für ihre unfreiwillig komische Situation zu erzeugen.
Ebenso unterhaltsam, weil unkonventionell, sind die Dialoge und zwar auch die Unterhaltungen der erwachsenen Kinder - die wie die Hauptfiguren echte Charaktere mit eigenem Profil sein dürfen und nicht nach Stereotyp A entworfen wurden.

So stimmen Charme und Atmosphäre, wenn der Film einer Französin britischen Galgenhumor an den Tag legt, untermalt mit einem manchmal etwas penetranten fröhlich-lockerem Soundtrack, aber stimmig in seinem Plotverlauf. Gerade das Ende, welches es sich einfach mal traut, zu überraschen, unterstreicht diesen unkonventionellen Ton, der die Tragikomödie zu einem echten europäischen - und gelungenem - Film macht.

Fazit: Echt europäische, gelungene (Tragik-)Komödie übers Älter werden und den Umgang mit sich selbst, mit viel Witz und Charme, Ecken und Kanten, lebendigen Figuren und guten Darstellern.





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