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Das bessere Leben
Das bessere Leben
© Zorro Film

Kritik: Das bessere Leben (2010)


Die Journalistin Anna (Juliette Binoche) arbeitet an einem Artikel über Studentinnen, die sich als Prostituierte ihr Geld verdienen. Deshalb trifft sie sich mit Charlotte (Anaïs Demoustier) und Alicja (Joanna Kulig). Charlotte ist in einfachen Verhältnissen aufgewachsen und hasst den Geruch in den Sozialbauten. Sie will nicht mehr arm sein, sondern sich ein gutes Leben leisten können. Alicja stammt aus Polen und schon bei ihrer Ankunft hat ihr Vermieter ihr deutlich zu verstehen gegeben, dass das reine Bezahlen der Miete nicht ausreicht. Beide träumen von einem besseren Leben – und entscheiden sich dafür, gegen Geld mit Männern zu schlafen. Für Anna scheint diese Lebensweise anfangs kaum möglich. Aber je tiefer sie in die Thematik eintaucht, desto größer werden ihre Zweifel an ihrem eigenen Leben.

Für ihren Film hat Malgoska Szumowska mit der Unterstützung der französischen Dokumentarfilmerin Hélène de Crécy Interviews mit französischen und polnischen Studentinnen geführt, die ihr Studium mit Prostitution finanzierten. Die Geschichten der jungen Frauen faszinierten sie – Hélène de Crécy drehte sogar noch einen eigenen Film („Escort“) über das Thema. Denn diese jungen Frauen hatten gegen Geld Sex mit Männern und wollten damit nicht irgendwie über die Runden kommen, sondern ein besseres Leben führen. Daher fehlen in Malgoska Szumowskas Film auch die typischen Elemente eines Prostitutionsdramas, wenngleich "Das bessere Leben" die negativen Folgen und Erlebnisse der Mädchen nicht auslässt. Aber es gibt keine bösen Zuhälter, die Mädchen sind nicht drogensüchtig oder werden zur Prostitution gezwungen. Stattdessen sehen sie es als Weg, ihr Leben und ihre Träume zu verwirklichen.

Auf diese Weise stellt Malgoska Szumowska die Rollenmuster ihre Protagonistinnen in Frage. Alicja und Charlotte entscheiden sich dafür, als Sexualobjekt wahrgenommen zu werden. Alicja schockiert sogar gleich zu Beginn des Gesprächs mit der Aussage, dass sie es mag, wie sie von den Männern angesehen wird. Dabei lässt Joanna Kulig unter der Fassade von Alicjas fast schon frivoler Lebenslust die junge Frau aufblitzen, die verunsichert ist und vor ihrer Mutter ihr Tun nicht eingestehen will.
Charlotte scheint hingegen zunehmend an der erkauften Nähe zu ihren Freiern zu leiden. Anaïs Demoustier überzeugt als zerbrechliche junge Frau, die stolz auf ihre organisiertes Leben verweist und trotz aller Erfahrungen weiter macht.
Auch die zweite Seite dieses Geschäfts klingt in dem Film an: die Männer, die für Sex und Nähe bezahlen. Meist handelt es sich bei ihren Kunden um gut verdienende, verheiratete Männer, die ebenso gut bei Anna am Essenstisch sitzen könnten. Diese Erkenntnis schockiert Anna, muss sie doch erkennen, dass sie das privilegierte Leben führt, von dem Alicja und Charlotte träumen. Aber glücklicher ist sie deshalb nicht. Juliette Binoche überzeugt als zweifelnde Journalistin, die in ihrer bürgerlichen Idylle vereinsamt. Dabei bleibt es letztlich die Aufgabe des Zuschauers, das Geschehen auf der Leinwand zu beurteilen. Er muss eigene Rückschlüsse ziehen – und entscheiden, welches denn nun das bessere Leben sei.

Fazit: In ihrem Film "Das bessere Leben" verknüpft die polnische Regisseurin Malgoska Szumowska die drei Lebensentwürfe der Frauen zu einer fast soziologischen Studie. Der Film unterläuft konsequent die Erwartungshaltung des Zuschauers und verweigert sich eines moralischen Urteils.





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