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Das Labyrinth der Wörter
Das Labyrinth der Wörter
© 2010 Concorde Filmverleih GmbH

Kritik: Das Labyrinth der Wörter (2010)


Viel hat Germain vom Leben nicht zu erwarten: Von der Mutter als Nationalfeiertagsunfall schikaniert, in der Schule vom Lehrer bloß gestellt und von den Mitschülern verlacht, verdingt sich der mittlerweile Anfang Fünfzigjährige als Hilfsarbeiter in seinem südfranzösischen Dorf. Doch Germain hat auch ein grundgutes Herz, das seine Freunde und insbesondere seine Freundin, die Busfahrerin Annette, zu schätzen wissen. Eines Tages lernt Germain beim Taubenzählen im Park die 94-jährige Margueritte kennen, eine gebrechliche Dame im geblümten Kleid. Sie ist eine pensionierte Wissenschaftlerin, die sich ganz dem Zauber der Literatur hingibt – und diesen gerne mit Germain teilen möchte. Doch das Lesen liegt Germain nicht so sehr, also liest sie ihm aus Camus‘ „Die Pest“ vor und Germain hört zu.
Es entwickelt sich eine Freundschaft zwischen ihnen, die das Zentrum des ruhigen Films „Das Labyrinth der Wörter“ von Jean Becker bildet. Basierend auf dem Buch von Sabine Marie Rogler erzählt der französische Regisseur, wie die Literatur und die Freundschaft das Leben seiner beiden Protagonisten verändert.
Für seine Hauptfiguren hat er mit Gisèle Casadesus und Gérard Depardieu eine gute Besetzung gefunden. Casadesus verkörpert die zerbrechliche, aber dennoch resolute alte Dame mit großer Vitalität und ist ein hervorragender Gegenpart für Depardieus massigen, tumben Germain. Es ist ihnen zu verdanken, dass der Zuschauer ihrer Geschichte trotz aller Klischees folgen möchte – und diese platonische Liebe zwischen diesen zwei unterschiedlichen Menschen hinreißend findet.

Jean Beckers Film plätschert ein wenig vor sich hin, daher sucht der Zuschauer große Konflikte vergebens. Germains Beziehung zur Mutter wird nicht weiter thematisiert, stattdessen bleibt sie – so wie die anderen negativen Figuren des Films – eine Karikatur. Schon die Buchvorlage spart kritische Aspekte weitgehend aus, allerdings kommt Marie-Sabine Roger in dem Roman ihre Erzählperspektive zugute. Germain ist der Ich-Erzähler des Romans, so dass sich der Leser sehr gut in ihn hineinfühlen kann. Dadurch werden die Demütigungen und Zurückweisungen, die Germain von seiner Mutter, seinem Lehrer, aber auch seinen Freunden erfährt, spürbar. In einem Film muss der Regisseur hierfür Mittel finden, doch das ist Jean Becker leider nicht gelungen. Stattdessen vermeidet er es, seine Sommeridylle mit kritischen Tönen zu stören – bis zum Ende. Hier weicht Jean Becker entschlossen vom Roman ab und schickt Germain auf eine Rettungsaktion. Aber diese Einlage bleibt fremd, sie hätte besser etabliert werden müssen. Dennoch bleibt „Das Labyrinth der Wörter“ ein netter Film, der von der ungleichen Freundschaft zweier Menschen in schönen Bildern und mit einfühlsamer Musik erzählt.

Fazit: „Das Labyrinth der Wörter“ ist vor allem ein harmloser Liebesfilm – über die platonische Liebe zweier ungleicher Menschen und die Liebe zur Literatur.





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