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Meine Freiheit, Deine Freiheit
Meine Freiheit, Deine Freiheit
© Salzgeber & Co

Kritik: Meine Freiheit, Deine Freiheit (2011)


"Ich wollte niemals anständig sein", bekennt die 22-jährige Kübra zu Beginn des Films "Meine Freiheit, Deine Freiheit" von Diane Näcke. Schon als Kind wollte sie beim Räuber und Gendarm spielen nur der Räuber sein, als Jugendliche hat sie dann Überfälle begangen und ist mit 14 Jahren das erste Mal ins Gefängnis gekommen. Es folgten weitere Haftstrafen, bei einer hat sie im Gefängnis mit anderen Insassinnen eine Mitinhaftierte brutal gefoltert. Seit vier Jahren ist sie seither der JVA und wird bald freigelassen.

Kübra ist eine der Intensivtäterinnen, über die in Zeitungen zu lesen ist. Dabei entspricht sie in keinster Weise der Vorstellung von einer jugendlichen Straftäterin, auch wenn sie bisweilen mit Stolz über ihre Taten spricht. Vor allem aber wird in den Gesprächen mit Diana Näcke ihre Leidenschaftlichkeit deutlich. Wenn sie während einer Zugfahrt aus dem Fenster schaut, beschreibt sie ihre Eindrücke intensiv. Oder wenn sie nach der Entlassung aus dem Gefängnis ihr altes Leben wieder aufnimmt, ist vor allem eine Gier nach Leben zu spüren. Nur langsam werden die Konsequenzen ihrer Sucht und ihre Getriebenheit deutlicher; und es gibt nachdenkliche Momente, in denen zu spüren ist, dass sie etwas verschweigt. So sagt sie auch zu ihrer Beteiligung an der Misshandlung der Mitinsassin kaum etwas, sondern räumt nur langsam ein, dass sie ihr damaliges Verhalten eklig finde.

Eine andere Geschichte erzählt hingegen Salema. Nach dem gewaltsamen Tod ihrer Eltern in Äthiopien ist sie mit ihrer Schwester nach Deutschland gekommen. Mit 13 Jahren bekam sie ein Kind, der Vater des Kindes war 35 Jahre alt, mit 15 kam sie durch ihre damalige beste Freundin zum Heroin und seit sie 17 Jahre alt ist, war sie immer wieder im Gefängnis. In der JVA wirkt Salema meistens bestimmt und strukturiert, nur manchmal blitzt ihre Wut angesichts der Macht auf, die nun andere über sie haben. Je näher ihre Haftentlassung rückt, desto deutlicher wird ihre Angst. Sie wird ebenso wie Kübra ihr Leben nach der Haft nicht ändern, stattdessen wird bei einer erneuten Begegnung in Freiheit auf schockierende Weise deutlich, in welchem Zustand sie ist.

"Meine Freiheit, Deine Freiheit" überzeugt vor allem durch den intimen und unverstellten Blick, mit dem Diana Näcke Kübra, Salema und dem Gefängnisdirektor Matthias Blümel begegnet. Drei Jahre hat sie in der JVA gedreht – nur sie und eine Kamera. In dieser Zeit hat sie eine große Nähe zu ihren Protagonistinnen aufgebaut, die mit ihr sehr offen über ihre Gefühle und Erlebnisse sprechen. Dagegen ist Matthias Blümel in seinen Äußerungen kontrollierter, einzig bei den Besuchen seiner Mutter im Altenheim wird er persönlicher.

Eines wird in dem Film sehr deutlich: Freiheit gibt es im Gefängnis nicht. Obwohl Kübra und Salema anerkennen, dass Matthias Blümel Verständnis hat und ihnen vielleicht sogar helfen will, sehen sie in ihm doch denjenigen, der in der Anstalt das Sagen hat – und über sie bestimmen darf. Und auch die Bilder des besonderen Haftraums lösen Assoziationen aus, die nicht schnell zu vergessen sind. Nach Erklärungen sucht Diana Näcke in ihrem Film hingegen nicht, stattdessen zeigt sie die Wirklichkeit für Salema und Kübra. Beide sind drogensüchtig, schaffen oder wollen keinen Entzug. Unbekümmert setzt sich Salema eine Spritze vor der Kamera. Keine der beiden gibt vor, ihr Leben ändern zu wollen. Einzig Salema bekennt in einem schockierenden Moment, dass sie endgültig die Nase voll habe. Womöglich haben Kübra und Salema längst akzeptiert, dass dieses Leben ihres ist. Sie kennen es nicht anders. Und als Zuschauer stellt man sich unweigerlich die Frage, ob ein anderes Leben wirklich nur eine Frage des Willens ist. Hatte Salema eine Chance? Als Kind von einem im Bürgerkrieg befindlichen Land nach Deutschland gekommen, zwei Jahre später missbraucht, drei weitere Jahre später drogensüchtig. Woher sollte sie ein anderes Leben kennen? Zu diesen Fragen kommen schockierende Wahrheiten: Es gibt in Berlin keine Haftanstalt für jugendliche Täterinnen, deshalb wurde Kübra mit 14 Jahren in eine Frauenvollzugsanstalt gesperrt. Dort konsumierte sie harte Drogen. Denn die gehören in der JVA zu einer Realität, die akzeptiert, aber verschwiegen wird.

Fazit: "Meine Freiheit, Deine Freiheit" ermöglicht einen intensiven Blick in das Innenleben zweier gefangener Frauen. Ein wichtiger und sehr sehenswerter Film, der viele Fragen aufwirft, ohne einfache Antworten zu liefern.





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